Senat und Bürger von Berlin! Bis vor zwei Wochen dachten wir, die Entwicklung der Stadt habe die Talsohle erreicht. Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland zog an ihr vorbei, die staatlichen Transferleistungen blieben hoch, aus eigener Kraft konnte Berlin schon lange nicht mehr existieren.
Nur: In den letzten Tagen mussten wir erkennen, dass Berlin regiert wird von Frauen und Männern, die nicht in der Lage sind, die ganze Wahrheit zu sagen, obwohl die Bürger sie längst kennen. Auch mussten wir erleben, wie diese Frauen und Männer ein Desaster anrichteten, von dem sie später nicht wussten, wie es zustande gekommen war. Von der Berliner Verwaltung haben wir schon lange geahnt, dass sie an guten Tagen unfähig ist; dass sie an schlechten Tagen trotzdem glaubt, kompetent zu sein, war neu.

Vielleicht wären auch diese Niederschläge zu ertragen, hätten wir Freitag letzter Woche nicht ein Schauspiel erlebt, dass zu allergrößter Sorge Anlass gibt. Es war die Sondersitzung des Berliner Abgeordnetenhauses zum Flughafendesaster die zur großen Abrechnung hätte werden müssen. Natürlich: Von der Linken war nicht viel zu erwarten, denn sie hat zwei Legislaturperioden an Schönefeld mitgebastelt. Die CDU hat Angst vor Neuwahlen, und in der SPD will und kann niemand den Brutus spielen. So ruhten die Hoffnungen allein auf den Volkstribunen der Grünen und der Piraten. Doch was zur Sternstunde des Parlaments hätte werden können, erreichte nicht einmal das Level einer Zündkerze.

Wowereit kämpft

Ramona Pop von den Grünen arbeitete sich durch ein Manuskript, das aus Textbausteinen bestand, die sie einem Sammelband entnommen haben muss, bestehend aus langweiligen Reden zu erfolglosen Misstrauensanträgen. Christopher Lauer von den Piraten stammelte sich mit vielen Ähs durch seine Redezeit und suchte wohl nach einer Smartphone-Applikation, die es ihm ermöglicht, nachvollziehbare Argumentationsketten zu entwickeln. Der Einzige, der kämpfte und ein Publikum für eine Sache zu erobern versuchte, war Klaus Wowereit.

Schlecht regiert zu werden, kann jeder Stadt passieren. Aber schlecht regiert werden und keine ernsthafte Opposition zu haben, ist deprimierend. Der einzige Ausweg ist die Selbsthilfe. Darum hört meinen Vorschlag und wägt ihn ab in euren Herzen: An die Spitze des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft gehört kein Bürgermeister und auch kein Ministerpräsident, sondern ein echter Kämpfer. Ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat und alles für die Sache zu geben bereit ist. Dessen Ruf so ruiniert ist, dass auch ein weiterer Rückschlag ihm nichts anhaben kann. Kurz gesagt: Karl-Theodor zu Guttenberg.

Bevor ihr aufschreit und mich mit Steinen bewerft, bedenkt: Wie Berlin hat der Mann eine zweite Chance verdient. Was wir für uns fordern, können wir anderen nicht verwehren. Zudem nehmen wir den Bayern damit ausnahmsweise nicht nur Geld, sondern auch ein Problem ab. Dafür werden sie nicht mehr gegen den Länderfinanzausgleich klagen. Schließlich ist Guttenberg bereit: Ein politisches Comeback schloss er am Montag erneut nicht aus.
Im übrigen, Bürgerinnen und Bürger der Stadt, bin ich der Meinung, dass alle Pläne zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses zerstört werden müssen.

Volker Heise ist Filmemacher