Wer stets in die Armbeuge niest, sollte auch diese alle paar Wochen säubern.
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BerlinWas hilft, außer Händewaschen und Stubenarrest, noch gegen den Husten des Todes? – Die Abschaffung des Kapitalismus. Dieser Gesundheitstipp stammt von Margarete Stokowski. Wie viele Kollegen geißelt auch die Spiegel-Kolumnistin jene Bürger, die Krisengüter horten oder gar damit zu wuchern suchen.

Schuldmindernd rechnet sie ihnen indes an, hin zu Egoismus und Profitgier deformiert worden zu sein: Der Kapitalismus hole „die dunklen Seiten der Menschen hervor, die er ihnen über Generationen hinweg herangezüchtet hat“.

Ich werde jetzt hier nicht das Schweinesystem verteidigen. Auf die Art macht man sich doch selbst auf einer Börsianer-Party unmöglich. Außerdem ist es damit sowieso bald vorbei: Der Powerphilosoph Slavoj Žižek hat Covid-19 soeben als „Fünf-Punkte-Pressur-Herzexplosionstechnik-Angriff auf das globale kapitalistische System“ erkannt.

Parallel wird erörtert, ob man Turbokapitalisten erschießen oder zur Zwangsarbeit ermuntern solle. Kleiner Trost: Mit einer coronaren Herzexplosion öffnet sich denen vielleicht ja der sagenhafte Dritte Weg.

Gehamstert wird auch ohne Viren und Kapitalismus

Nein, keinesfalls zur Entlastung des Hauptangeklagten und nur um der Korrektheit willen, hier zwei zage Hinweise: Pestpogrome gab es schon um 1350, vermutlich vor der ersten Aktiengesellschaft. Mich dünkt, die dunklen Seiten kamen über edelhilfreichgute Charaktere weder erst mit Dividendenrenditen, noch werden sie mit den Immobilienfonds wieder verschwinden.

Zweitens lebte ich mal in einem Land, wo der Kapitalismus abgeschafft war. Und richtig: Was weiland im Westen für Rotz und Zähneklappern sorgte, fand in meiner alten Heimat einfach nicht statt. Fakt! Als Ende der 1960er ein Fieber den Klassenfeind schüttelte, meldete Neues Deutschland lapidar: „Keine Hongkong-Grippe in der Republik“.

Wegen Tschernobyl erkannte der Genosse Generalsekretär „keine Gefahren“, denn: „Unser Gemüse wird ja immer gewaschen.“ – Ohne diese Präventionen schmälern zu wollen: Es lag weniger daran, dass wir ein durchweg solidarischer, antiinfektiöser Volkskörper gewesen wären. Die eigenbedarfsunabhängige Hamsterwirtschaft blühte selbst in Abwesenheit von Viren und Kapitalismus.

Es war nicht alles schlecht, aber es waren auch nicht alles gut. Das Verhältnis von Volkseigentum und Alltagsethik manifestierte sich in der Parole: „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen.“ Kurt Demmler schrieb: „Der neue Mensch sieht aus wie er war, außen und unterm Haar.“ Wie er war. Hätten nicht die 30 versorgungsstabilen Jahre seitdem uns gelernten DDR-Bürgern den Raff-und-Beiseiteschaff-Instinkt halbwegs abtrainiert, dann ginge, ich schwöre, heute keine einzige Flasche Sagrotan mehr über den Ladentisch.

Ein selten gewordener Ratschlag

Das hat mich für Visionen versaut. Etwas sagt mir, die nächste Abschaffung des Kapitalismus könnte wieder auf ein Land hinauslaufen, das riecht wie Leipzig im Winter 1985 und aussieht wie die Schlange vor einem Dresdner Plattenladen nach der vermeintlichen Ankunft einer Amiga-Lizenz von Depeche Mode. Tut mir leid. Mit Bangbüxen wie mir kannst du keine Revolution veranstalten.

Aber damit statt meiner noch viele neue, helle Menschen daran mitwirken können, spende ich zumindest einen anderen raren Ratschlag zur Seuchenhygiene: Wer stets in die Armbeuge niest, sollte auch diese alle paar Wochen säubern.