In den vergangenen beiden Jahrzehnten nahmen die sozialen Unterschiede in der Bundesrepublik merklich zu. Gesellschaftliche Differenz kann produktiv sein und den allgemeinen Aufstiegswillen fördern, fragt sich nur, wie viel davon als erträglich empfunden wird. Nicht wenige Zeitgenossen neigen zu der Annahme, das Auseinanderdriften der Lebensverhältnisse sei die Folge eines entfesselten Kapitalismus und des Zusammensparens der Sozialausgaben. Letzteres ist im deutschen Fall irrig, weil der absolute und der relative Umfang staatlicher Sozialleistungen noch nie so hoch war wie in der Gegenwart. Wer im Kapitalismus die Ursache für die Öffnung der sozialen Schere sucht, folgt dem Reflex, derartige Probleme erwüchsen aus dem Wirken bösartiger, anonymer Mächte. In Wahrheit resultiert die zunehmende Spaltung der Gesellschaft jedoch in erster Linie aus Umständen, die als gut, ja als glücklich bezeichnet werden müssen: langanhaltender Frieden, massenhafter Zugang zu hoch qualifizierten Berufen und Frauenemanzipation.

Die großen Gleichmacher des 20. Jahrhunderts hießen Weltkriege, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Flucht, Vertreibung, kriegerische, nazistische und kommunistische Massenenteignung. Alle diese für Millionen Menschen tödlichen oder zumindest traumatischen Ereignisse bewirkten für die Überlebenden und Nachgeborenen neue Aufstiegschancen und soziale Mobilität einerseits und die Entwertung ererbter Rechte und Güter andererseits. Wenn nach einer mehr als 60-jährigen Periode des Friedens und der Prosperität die sozialen Grenzen weniger durchlässig werden, kann das nicht verwundern. Nur wird deshalb niemand Kriege herbeiwünschen.

Ähnliches gilt für den Bildungsfortschritt. Als ich vor 45 Jahren im Westen studierte, besuchten knapp fünf Prozent der Angehörigen eines Jahrgangs Hochschulen, 75 Prozent davon waren junge Männer. In dieser Zeit heiratete der angehende Arzt noch die Krankenschwester, der Journalist die Buchhalterin usw. Auf diese Weise lockerten die Beteiligten die binnengesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder auf und fachten den Sog sozialer Aufwärtsmobilisierung an. Diese Möglichkeit entfällt heute dank guter Bildungspolitik: Heute studieren etwa 30 Prozent eines Jahrgangs und ebenso viele junge Männer wie junge Frauen. Folglich finden sich junge Paare fast ausnahmslos in derselben sozialen Schicht – einer Schicht, die relativ breit geworden ist, sich aber gegenüber der nächstunteren Schicht sehr viel deutlicher sozial abschottet als das vor 30 und 40 Jahren der Fall war beziehungsweise sein konnte. In eben jener Schicht verdienen zumeist beide Partner nicht schlecht, sie arbeiten viel, das gemeinsame Einkommen liegt irgendwo zwischen 100.000 und 200.000 Euro. Es muss nicht gespart werden, und man bleibt gesellschaftlich unter sich.

Aus den beschriebenen, guten Gründen erstarren die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik zusehends. Eben deshalb wird die Kluft zwischen den vielbeschäftigten Gutverdienern und den in der Tendenz Abgehängten tiefer. Wer daran etwas ändern will, der sollte zunächst auf falsche Feindbilder verzichten und der Tatsache ins Auge sehen, dass gute Politik, Frieden und sozialer Fortschritt von unerwünschten Nebenwirkungen nicht frei sind.

Götz Aly ist Historiker.