In den vergangenen beiden Jahrzehnten nahmen die sozialen Unterschiede in der Bundesrepublik merklich zu. Gesellschaftliche Differenz kann produktiv sein und den allgemeinen Aufstiegswillen fördern, fragt sich nur, wie viel davon als erträglich empfunden wird. Nicht wenige Zeitgenossen neigen zu der Annahme, das Auseinanderdriften der Lebensverhältnisse sei die Folge eines entfesselten Kapitalismus und des Zusammensparens der Sozialausgaben. Letzteres ist im deutschen Fall irrig, weil der absolute und der relative Umfang staatlicher Sozialleistungen noch nie so hoch war wie in der Gegenwart. Wer im Kapitalismus die Ursache für die Öffnung der sozialen Schere sucht, folgt dem Reflex, derartige Probleme erwüchsen aus dem Wirken bösartiger, anonymer Mächte. In Wahrheit resultiert die zunehmende Spaltung der Gesellschaft jedoch in erster Linie aus Umständen, die als gut, ja als glücklich bezeichnet werden müssen: langanhaltender Frieden, massenhafter Zugang zu hoch qualifizierten Berufen und Frauenemanzipation.

Die großen Gleichmacher des 20. Jahrhunderts hießen Weltkriege, Inflation, Weltwirtschaftskrise, Flucht, Vertreibung, kriegerische, nazistische und kommunistische Massenenteignung. Alle diese für Millionen Menschen tödlichen oder zumindest traumatischen Ereignisse bewirkten für die Überlebenden und Nachgeborenen neue Aufstiegschancen und soziale Mobilität einerseits und die Entwertung ererbter Rechte und Güter andererseits. Wenn nach einer mehr als 60-jährigen Periode des Friedens und der Prosperität die sozialen Grenzen weniger durchlässig werden, kann das nicht verwundern. Nur wird deshalb niemand Kriege herbeiwünschen.

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