Anfeindungen, Bedrohungen und offener Gewalt sind Juden ausgesetzt.
Foto: dpa/Fredrik Von Erichsen

BerlinSo manche Rede zum Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz hängt in Gedanken den toten Juden nach. Und was für ein enormer Verlust der Mord an ihnen für Deutschland bedeutet. Meist folgt darauf, wie großartig es sei, dass es nun wieder ein blühendes, jüdisches Leben in Deutschland gebe.

Jedes Mal warte ich in den Reden auf diese eine versöhnliche und wundersame Wendung für die Deutschen und ihr Schuldgefühl. Es hört sich an, als wäre nun alles wieder gut. Solche Reden klingen wie: in einer Hand das Schnupftuch – in der anderen die Träne. Beides schön weit voneinander entfernt.

Dass es überhaupt noch jüdisches Leben in Deutschland gibt, kam nur zustande, weil der Runde Tisch der DDR in der Wendezeit die Juden aus der Sowjetunion einlud, vor dem Antisemitismus in die DDR zu fliehen. Die neue, demokratisch gewählte Volkskammer hat eine denkwürdige Erklärung abgegeben, in der sie neben dem Bekenntnis zu Schuld und Verantwortung zur Shoa die Einwanderung verfolgter Juden aus der Sowjetunion beschloss.

Als es um die Regelung zur Vereinigung ging, lehnte die damalige Regierung Kohl es ab, diesen Beschluss zu übernehmen. Bloß keine Ausländer, egal, aus welchem Grund – das war die Regel.

Keine deutschen Renten

Ich war nach der Zeit am Runden Tisch Ausländerbeauftragte in Ost-Berlin. In dieser Rolle konnten wir mit dem Berliner Senat eine Initiative über die Länder starten, quasi an der Bundesregierung vorbei. Mit der Kontingentflüchtlingsregelung kamen etwa 220.000 Juden.

Der Vorstoß, sie genauso wie die drei Millionen Spätaussiedler zu behandeln und mit gleichen Rechten auszustatten, wird bis heute abgelehnt. Obwohl die Juden etwa zur gleichen Zeit das mittelalterliche Deutschland verlassen mussten wie jene Deutsche, die im Osten siedeln wollten, gelten sie bis heute nicht als Deutsche. Es bleiben Juden. Sie haben kein deutsches Blut, deswegen gibt’s auch keine deutsche Rente.

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Hilflosigkeit trifft auf Gleichgültigkeit

Auch Anfeindungen, Bedrohungen und offener Gewalt sind die Menschen der blühenden jüdischen Landschaften heute ausgesetzt. Hilflosigkeit trifft zu oft auf Gleichgültigkeit, wenn es darum geht, Antisemitismus zu ahnden. Schlimmer noch – was antisemitisch ist und vor allem was nicht, das haben nicht die Juden zu bestimmen.

Fragen Sie mal einen Juden, sofern Sie einen kennen, wie es sich anfühlt, ständig erklärt zu bekommen, dass, wenn es um Israel geht, Antisemitismus keine Rolle spielt. Israelkritik – dieses einmalige Wort unter allen Staatskritiken – ist niemals und unter keinen Umständen antisemitisch. Juden in Deutschland werden damit permanent behelligt. Ungewollt und ungefragt. Und keine Antwort darauf ist angemessen.

Mit echter Trauer der Toten gedenken

Dieses blühende jüdische Leben in Deutschland, von dem so oft gesprochen wird, das ist keine Population, die sich nach einer Art Katastrophe nun wieder zu regenerieren und zu erholen beginnt. Nein, die Ermordeten fehlen trotzdem, sie fehlen mir, schmerzlich und jeden einzelnen Tag.

Selbst wenn es für jeden von ihnen einen glänzenden Stolperstein gäbe, wird es in Deutschland nie wieder so funkeln wie vor dem Morden. Ich wünschte, dass angemessen und mit echter Trauer der Toten gedacht werden würde. Und die Lebenden nicht als Illustration für deutsche Befindlichkeit betrachtet werden. Denn das wollen wir auf keinen Fall.