Den Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar hatte der frühere Bundespräsident Roman Herzog eingeführt.
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BerlinAm kommenden Montag würdigen wir wieder und in aller Form die vielen Zehnmillionen Opfer des nationalsozialistischen Deutschland. Proklamiert hatte den Gedenktag Bundespräsident Roman Herzog (CDU) 1996, und das mit der Zustimmung aller (damals) im Bundestag vertretenen Parteien.

Vorher war kein Präsident auf eine solche Idee gekommen; und da wir in einer repräsentativen Demokratie leben, muss man sagen: 50 lange Jahre fehlte es den Deutschen mehrheitlich an Reife, Einsicht und Kraft, in klarer Form an die Jahre des Mordens und der Schande zu erinnern. Aber 1996, nach dem Ende des Kalten Krieges, der auch die Vergangenheit eingeeist hatte, war es endlich so weit.

Herzogs präsidiale Setzung entsprach dem vorherrschend gewordenen Willen der Deutschen, der volonté générale. Der damalige Bundespräsident wählte den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, den 27. Januar 1945. Auch das war ein kluger, nicht selbstverständlicher Akt.

In Auschwitz ermordeten Deutsche etwa eine Million Juden; Auschwitz steht zudem für den unbeschreiblichen Terror, mit dem die deutschen Besatzer die christliche Bevölkerung Polens verfolgten; schließlich befreiten Rotarmisten diese Stätte des abgrundtief Bösen, also sowjetische Soldaten, deren Land gleichfalls in ungeheurem Ausmaß Opfer deutscher Aggression geworden war.

Nicht zuletzt steht Auschwitz für die Notwendigkeit und Legitimität des gerechten Krieges. Darüber hinaus begehen wir in diesem Jahr bis zum 8./9. Mai in vielen Gedenkschritten den 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation. Es ist der Tag, an dem die Truppen der Anti-Hitlerkoalition den deutschen Armeen, die Europa mit dem schrecklichsten Krieg aller Zeiten überzogen hatten, nach schweren Verlusten das Handwerk legten.

Insgesamt hatte die Wehrmacht 19 Millionen deutsche Männer mobilisiert, praktisch alle, die laufen konnten. Die blutige Niederlage, der Zusammenbruch Hitlerdeutschlands sollte in den kommenden Wochen unbändige Freude wecken.

Denn, liebe Leserinnen und Leser, schließen Sie bitte die Augen und stellen sich nur fünf schaurige Minuten lang vor, wie Europa, ja die Welt aussähe, wenn Deutschland diesen Krieg gewonnen hätte – ein Wunsch übrigens, den selbst der spätere Pazifist, Nichtnazi und widerwillig für volle sechs Jahre eingerückte Soldat Heinrich Böll lange Zeit hegte.

Stellen Sie sich vor, wie unsere Straßen hießen, welche Denkmäler auf unseren Plätzen stünden. Wie wären wir selbst geworden? Was lehrten unsere Schulbücher? Statt „Harry Potter“ würden unsere Kinder den Tatsachenbericht verschlingen „Ruf des Ostens. Wie wir Lebensraum auf der Krim schufen und 300.000 Feinde des Großdeutschen Reiches beseitigten“. Genug.

Feiern wir die Wochen der 75. Wiederkehr der deutschen Niederlage – der Befreiung der Deutschen von sich selbst. Die nun seit 25 Jahren Tradition gewordene Gedenkrede im Deutschen Bundestag wird diesmal, am 29. Januar, der Staatspräsident Israels, Reuven Rivlin, halten. In den Tagen zuvor wird Bundespräsident Steinmeier auf Einladung Rivlins in Israel zu Gast sein und dort sprechen.

Am 27. Januar treffen sich beide in der Gedenkstätte Auschwitz, um dann gemeinsam nach Berlin zu reisen. Das ist ein sehr starker Vertrauensbeweis, dem wir uns in Zukunft würdig erweisen müssen.