Diplomatisches Geschick zeichnet Angela Merkel aus.
Foto: AP/Michael Sohn

BerlinHeute ist Angela Merkel bereits zwei Tage länger im Amt als Konrad Adenauer. Außer ihr gibt es keinen Politiker, den ich innerlich mit Vornamen ansprechen würde. Unmöglich, dass ich an Robert, Christian oder Sahra denken könnte. Wie kommt es ausgerechnet im Fall der Respektsperson Bundeskanzlerin dazu?

Oft, jedoch nicht immer, finde ich ihre Entscheidungen gut bis verständlich. Aber auf den Grad der Übereinstimmung kommt es nicht alleine an. Merkel ist verborgen witzig, prinzipienstark und pragmatisch – gelegentlich taktisch, beispielsweise so: „Ich finde, dass Andy (!) Scheuer eine sehr gute Arbeit macht“, meinte sie neulich im Ton einer Kindergärtnerin und begrüße es zugleich, dass die Vorwürfe gegen ihn nun „sauber abgearbeitet“ würden. Im Klartext: „Wasch dir endlich die Pfoten!“ Überhaupt gelang es ihr, der CSU-Männercombo ein halbwegs zivilisiertes Betragen beizubiegen. Als aufgeklärte protestantische Verantwortungsethikerin verfügt sie über bewundernswerte Geduld.

Sie erzielt Erfolge unter schwierigsten Bedingungen

Derzeit mache ich mir um Angelas Gesundheit Sorgen. Die Brüsseler und sonstigen Nachtsitzungen fallen ihr schwerer als ehedem. Manchmal erscheint sie mir etwas kurzatmig. Aber in stiller Beharrlichkeit arbeitete sie unter schwierigsten Voraussetzungen daran mit, dass am Ende eine personell gut besetzte, ausgewogene Europäische Kommission zustande kam, ein erfahrener Belgier wurde Ratspräsident, Donald Tusk Vorsitzender der Europäischen Volkspartei. Im Dschungel widerstreitender Interessen erreichte sie das Optimum, verbunden mit viel Frauenpower – und das ohne jedes feministische Getue.

Angela Merkel hat es nicht verdient, von der Zwölf-Prozent-Partei SPD, die die Hälfte der Bundesminister stellt, in zähen Koalitionsrunden um den Schlaf gebracht zu werden. Und doch, sie muss all das auf sich nehmen. Wer sonst sollte mit Putin verhandeln, mit Trump, Orban oder Erdogan? Etwa Friedrich Merz, Heiko Maas oder Annalena Baerbock? Wer hat Schäuble gestoppt, als er Griechenland aus der Eurozone feuern wollte? Wer hat verhindert, dass im Brexitgezerre Macron der Geduldsfaden mit lautem Knall und anschließendem Chaos riss? Niemand anderes als die Bundeskanzlerin. Wer arbeitete jahrelang daran, das Mazedonien-Problem zu lösen, die Balkanstaaten untereinander auszusöhnen und ihnen den Weg in die Europäische Union offenzuhalten?

Effizient, ohne Wichtigtuerei und unkorrupt

Im Moment bremst Macron dieses Projekt aus. Kommt Zeit, kommt Rat. Wer beruhigt die russisch-ukrainische Kampfzone einigermaßen effizient? Trump oder Merkel? Ohne Wichtigtuerei engagiert sie sich in vielen schwer lösbaren Konflikten. Wissentlich gerät sie damit in Positionen, die für eine gaffende, gerne in Rechthaberei badende Öffentlichkeit unelegant erscheinen. Sie tut das für ihr Land, für Europa, für die Welt. Das verdient Respekt und Dank. Angela Merkel hat einen ordentlichen Beruf erlernt und ausgeübt. Auch das unterscheidet sie von heutigen Politologie-Politikern.

Sie hat den Untergang eines schlecht regierten Staats erlebt und die Möglichkeit ergriffen, es besser zu machen. Im Gegensatz zu manchem SPD-Oberbürgermeister ist sie völlig unkorrupt. Wer weiß, wer ihr nachfolgt. Noch haben wir sie. Ich wünsche Angela für die kommenden Tage viel frische Luft und für das neue Jahr, um es mit ihren Worten zu sagen: Glück, Zuversicht, Gesundheit und Gottes Segen.