Kolumne Götz Aly: In Oberbayern ist die Welt noch in Ordnung

Ferien am Ammersee bedeuten Schwimmen, Ruhe, Andechs und die Lektüre des Ammersee-Kuriers – des Heimatblatts für die Gemeinden Dießen, Eching, Finning, Greifenberg, Pähl, Raisting, Schondorf und Utting. Die Zeitung gibt zuverlässig Auskunft über die Lage in diesem Segment des Speckgürtels rund um München. Eine Seite handelt von den Abiturfeiern der drei lokalen Gymnasien. Stets werden die Gesamtleistungen genannt („wacker geschlagen“) und die Besten aufgelistet. Insgesamt haben 331 Prüflinge nach zwölf Schuljahren bestanden, zwei Drittel der Spitzenzeugnisse gingen an Abiturientinnen.
In der Gemeinde Schondorf quälen sich die Leute mit einem, man darf wohl sagen: Luxusproblem. Anlässlich einer Ausstellung über den ehedem bekannten Maler Wilhelm Leibl wurde auf dem Friedhof ein mysteriöser Grabstein entdeckt. Darauf steht Karl Bauer, so hieß der einzige, unehelich geborene Sohn des Künstlers. Nun behauptet ein Bürger, der ungenannt bleiben möchte, „dass Leibls Sohn keinesfalls in dem Grab liege“, vielmehr, „wie zu jener Zeit mit unehelichen Kindern üblich, am südlichen Friedhofseingang verscharrt wurde“. Der Fall ist bedeutsam, und der SPD-Bürgermeister versichert: „Ein Ortstermin soll die weitere Vorgehensweise klären.“

In Dießen rammte eine 46-jährige Pkw-Fahrerin schuldhaft einen 73-jährigen Rollerfahrer (leichte Verletzungen, 2500 Euro Schaden). Die örtliche Bank veranstaltet mit Erbrechtsanwalt Florian Enzensberger den Vortragsabend „Erben und Vererben“, um über steuerlich vorteilhafte Lösungen zu informieren. In Utting liegt der Biomarkt La Vida „auf Erfolgskurs“, er bietet Auskünfte über den Säure-Basen-Haushalt, kosmetische Kniffe und „eine spannende kulinarische Reise durch das Weinregal“. Ein Bahnhof der stets pünktlichen Lokalbahn steht zum Verkauf, die Segelregatta läuft und die Urnenbestattungen nehmen zu.

An neue Kredite denkt hier niemand

Im Gegensatz zur offiziellen Familienpolitik der CSU werden überall Krippen und Ganztagsschulklassen mit Mittagessen eingerichtet – die CSU-Lokalgrößen sind stolz darauf. Im bayerischen Schlaraffenländchen tilgen Gemeinden pro Jahr 15 Prozent lächerlich geringer Altschulden. An neue Kredite denkt niemand. Die gesetzlich vorgeschriebene Rücklage von 150 000 Euro wird in Dießen, der größten Gemeinde, um das Dreißigfache überschritten. Sie beträgt 30 Prozent eines Jahreshaushalts. Die Zahl der Einwohner steigt, obwohl im Jahr 2011 auf 139 Sterbefälle nur 47 Geburten kamen; fünf Prozent der Einwohner sind Ausländer. Die Steuereinnahmen entwickeln sich „überraschend günstig“, auch dank strenger Politiker. Der Bürgermeister (Freie Wähler) teilt mit: „Die Steuern und Abgaben wurden 2011 zwar überwiegend fristgerecht entrichtet, es war aber auch notwendig, Beitreibungs- und Zwangsmaßnahmen in die Wege zu leiten.“ Neuerdings freut man sich über die (seltenen) Tiefflüge der Luftwaffe – damit lassen sich jetzt Windkraftanlagen verhindern („Bei uns nicht!“).
In dieser Welt der Selbstliebe und des Überflusses erscheinen die Haushaltsprobleme und miserablen Verwaltungen, an denen beispielsweise Berlin und Griechenland leiden, als Horrorgeschichten aus dem ungeordneten und wüsten Reich des Bösen. Hier wendet sich der Oberbayer ab mit Grausen.

Götz Aly ist Historiker.