Sabine Rennefanz
Foto: Maurice Weiss

BerlinEigentlich wollte mein britischer Mann gar nicht Deutscher werden. Nach dem Austrittsreferendum fingen viele Briten in Berlin an, sich zu sorgen, was der Ausstieg ihres Heimatlandes aus der Europäischen Union für sie bedeuten würde. Sie fragten sich, was sich für sie ändern würde, beim Reisen, beim Arzt, bei Bewerbungen. Würden sie künftig ein Visum brauchen? Mein Mann blieb ruhig. Er lebte schon ein paar Jahre in Berlin. Er hatte eine deutsche Frau, ein deutsches Kind, er konnte „Umsatzsteuervoranmeldung“ ohne Stottern sagen, und er hatte gelernt, dass die Toten Hosen keine ostdeutsche Band sind. Er war also integriert. Trotzdem zögerte er mit dem deutschen Pass. 

Sein Großvater hat im Zweiten Weltkrieg als Arzt die Verwundeten versorgt, die von den Deutschen verletzt worden waren. Auch sein Vater war im Militär, als Kampfpilot der Royal Navy. Sein Vater und mein Vater hätten sich theoretisch über der Ostsee treffen können. Mein Vater war bei der NVA. Hätte sich der Kalte Krieg zu einem heißen entwickelt, hätten sie gegeneinander kämpfen müssen.

Der Vater meines Mannes, mein Schwiegervater, lehnte die EU ab, hatte bei der Abstimmung für den Austritt gestimmt. Bei Besuchen schimpfte er über die deutsche Dominanz und „your Mrs. Mörkel“.

Ich erinnere mich, wie wir ein paar Monate nach dem Referendum zusammen beim Mittagessen saßen. Die Alten waren die Brexit-Anhänger, die Jungen die Brexit-Gegner. Wir sprachen nicht über Politik. Es verging ein Jahr, und es zeigte sich, dass es wahrscheinlich keinen Austrittsvertrag geben würde. Die damalige Premierministerin Theresa May antwortete auf jede Frage mit dem gleichen Satz: Brexit heißt Brexit. Als würde das etwas bedeuten. Wenn Großbritannien ohne Abkommen ausscheide, sei eine doppelte Staatsbürgerschaft danach nicht mehr möglich, hieß es.

Mein Mann wurde unruhig, er begann, Dokumente zusammenzutragen, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Geburtsurkunden der Kinder, Einkommensnachweise. Er übte für den Einbürgerungstest: Wie lauten die Hauptstädte der 16 Bundesländer? Welche Ausländer lebten in der DDR? Manchmal fragte ich mich, ob alle geborenen Deutschen diese Fragen beantworten können.

15 Monate warten auf Post vom Amt

Er gab die Dokumente im April vergangenen Jahres ab. Dann wurde Boris Johnson Premierminister und die Aussichten, dass es zu einer Einigung zwischen EU und Briten kommen würde, schwanden. Mein Mann mag Johnson nicht, er hält ihn für einen Spieler, einen Scharlatan, dem es nur um sich selbst geht.

Während der Corona-Krise ließ der Premier Wochen verstreichen, ehe er einen Lockdown verhängte. 45.000 Menschen starben auf der Insel bisher. Wenn wir jetzt mit meinem Schwiegervater reden, lobt er die deutsche Regierung. „Ach, wenn wir doch jemanden wie Kanzlerin Merkel hätten“, sagt er. Inzwischen zweifelt er sogar am Sinn des Brexit. Könnte sein, dass Großbritannien am Ende des Jahres die EU verlässt, ohne dass die künftigen Beziehungen geregelt sind.

Mein Mann wartete, mehr als ein Jahr lang hörte er nichts vom Einbürgerungsamt. In der Zeitung stand, dass 2019 knapp 15.000 Briten Deutsche geworden sind.

Hinter Plexiglas

Vor einigen Tagen bekam mein Mann eine Nachricht vom Amt, er könne seinen Pass abholen. Nach 15 Monaten Wartezeit. Er zog sich fein an, es war ein besonderer Tag. Er ahnte nicht, dass die Einbürgerung in Deutschland mehr ein bürokratischer Akt ist, zumal in Corona-Zeiten. Im Amt saß eine Dame hinter Plexiglas, sie überreichte ihm die Unterlagen. Es gab keine Hymne, keine Feier, keinen Handschlag.

Was schenkt man jemandem zur Einbürgerung? Ich fragte Aziz, der im Verlag unten das Café betreibt. Er stammt aus Marokko, wurde vor 20 Jahren Deutscher. Er schaute ratlos. „Eine deutsche Fahne? Oder Bier?“, fragte er. Ich war mir nicht sicher. Ich stellte mir das Gesicht meines Mannes vor, wenn ich ihm eine schwarz-rot-goldene Fahne in die Hand drücken würde. Am Abend präsentierte mein Mann stolz seinen Pass. Er ist jetzt Deutscher. Ein Geschenk habe ich immer noch nicht.