„Darf ein Bestatter weinen?“ Mit der Frage hatte ich nicht gerechnet.

Ich war Anfang 30 und saß einem Bestatter gegenüber, weil ich herausfinden wollte, ob mein Gedanke, diesen Beruf auch zu ergreifen, richtig war. Ich hatte mit allem gerechnet, mit Gemecker über die Bestatterbranche, kritischen Fragen, warum ich überhaupt auf die Idee käme, nach all den Jahren in der Musikindustrie. Aber er fragte mich nur „Darf ein Bestatter weinen?“.

Nein, dachte ich zuerst, ich sollte nicht weinen. Ich wollte doch Ruhe und Natürlichkeit in die Situation bringen, ich wollte helfen und nicht belasten. Dem Außergewöhnlichen einen menschlichen Rahmen geben. In den ganzen Jahren, die ich jetzt schon trauernde Menschen begleite, musste ich oft an die Frage des Bestatters denken. Weil ich doch immer wieder mal weinen muss.

Vor allem, wenn ich kurz mal Angst habe, dass trauernde oder sterbende Mensch für mich alltäglich werden, taucht die Frage auf. Und die Antwort ist: „Ja, du darfst weinen.“

Einmal rief mich eine Frau an – ob ich sie im Krankenhaus besuchen könne. Dass Menschen für ihren eigenen Tod vorsorgen, passiert häufig. Eine bevorstehende OP, eine schwere Diagnose bringen sie dazu, sich bei mir zu melden. Die Frau saß vor dem Krankenhaus in einem Rollstuhl, rauchte und schaute in die Sonne. Ich sollte mich zu ihr setzen. Sie hatte Krebs. Keinen Lungenkrebs, trotz all der Jahre als Raucherin, das war ihr wichtig. Der Kontakt zu ihren Kindern sei schwierig, aber sie hat sie eingeladen. Ins Krankenhaus. Sie wollte mit ihnen sprechen.

Nur vorher wollte sie mich sehen. Sie erzählte mir, wie sie beerdigt werden wollte. Und dann sagte sie, dass ich die Trauerfeier für den 14. Juli planen sollte. Wir hatten Anfang Juni. Ich antwortete,  dass die Prognosen von Ärzten nie stimmten, weil da von Statistiken ausgegangen würde. Sie schaute mich an, zog tief an ihrer Zigarette und sagte noch mal, die Trauerfeier fände am 14. Juli statt. Und dann verstand ich. Wie schwer man manchmal kapiert. Da saß diese Frau, rauchend, mit schlauen und wachen Augen, und erklärte mir, dass sie immer aufrecht durchs Leben gegangen sei und einfach nicht leiden wolle. Ihre Mutter hatte gelitten, ihr Bruder. Da waren keine Zweifel, nicht mal ein Blinzeln. Aber ich zweifelte, was sollte ich machen, jemandem Bescheid geben? Ihren Kindern, den Ärzten? Mein Kopf rauschte, und wir beide rauchten schweigend.

Plötzlich nahm sie meine Hand, legte sie auf ihren Schoss und weinte und lächelte zugleich. Ich verstand. Ich war der Erste, vielleicht sogar der Einzige, dem sie die Wahrheit sagte. Und ich? Ich weinte auch. Mich bewegte das Vertrauen, ihre Klarheit und ihr Mut. Ein Mut, den ich selber wahrscheinlich nie hätte. Geschichten, die uns bewegen, spiegeln unsere eigenen Ängste. Haben wir Kinder, ist ihr Tod das Unvorstellbare. Fühlen wir uns jung und unbesiegbar, dann können wir nicht begreifen, wenn jemand jung stirbt.

Aber das ist nicht der Alltag. Wir sterben meistens alt. Und dieses Sterben hinterlässt so oft eine Einsamkeit. Der Ehemann einer Verstorbenen war der Erste, der mich auf einer Trauerfeier zum Weinen brachte. Er war über 80. Außer ihm waren nur noch zwei Menschen da. Die unendliche  Einsamkeit, das Bewusstsein, seine große Liebe verloren zu haben,  all das ließ ihn zusammenbrechen. Er sank vor dem Grab auf die Knie und weinte. Und ich lernte, dass diese  Verluste, die von außen so normal, unausweichlich wirken, mich am meisten bewegen. Die leisen Tode. Die leisen Tode treffen meine Urängste. Sie lassen mich hilflos danebenstehen, weil ich eben keinen Weg zurück ins Leben zeigen kann. Obwohl ich meine Arbeit so verstehe: einen Weg zurück ins Leben zeigen. Mit dem Verlust leben lernen.

So traurig der Verlust eines Partners in jungen Jahren oder der Tod eines Kindes auch sind, oft findet sich  eine Perspektive. Auch wenn es dauert. Wenn ich aber für Menschen solche Hilfe nicht mehr sehe, dann bin gelähmt. Und dann weine ich. Gerne.