Gerade zur Vorweihnachtszeit ist der spirituelle Mensch begierig auf berührende Nachrichten. So traf es sich gut, als ich diese Woche in der „Welt“ einen Artikel mit folgender Überschrift las: „Im Frauengefängnis der Gestapo herrschte ein Engel“. Soll man darüber sinnieren, ob das Verb „herrschen“, das Tätigkeiten von Führern und Diktatoren beschreibt, im Kontext von Engeln geschickt platziert ist? Ach was! Wo das Herz gewärmt werden soll, darf der Verstand ruhig ein Nickerchen machen. Es ist doch allzu verständlich, dass ein Engel nicht einfach nur lebte und liebte, wenn es sich bei seiner Wirkungsstätte bei aller Mildtätigkeit, Güte und Humanismus immer noch um einen Naziknast handelte. Was genau hat der Engel mit seinem Zauberstabe in Goldstaub verwandelt? fragte ich mich neugierig und las, dass es sich um das Gerichtsgefängnis in der Kantstraße handelte. Ab 1939 wurden nur weibliche Insassen aufgenommen, darunter Hitlergegnerinnen, die darauf warteten, dass ihre Todesurteile vollstreckt wurden. So auch Libertas Schulze-Boysen, Ehefrau von Harro Schulze-Boysen, die man als Mitglieder der vom Naziregime als „Rote Kapelle“ benannten Widerstandsgruppe kennt, oder die Ehefrauen der am Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 beteiligten Männer.

Bevor ich auf die Wohltaten der Gefängnisaufseherin Anne Wieder eingehe, der ich trotz ihrer karitativen Einstellung wenigstens eine Parteiverbundenheit unterstelle; es sein denn, man konnte ohne entsprechende Einstellungen Aufseherin in einem Nazigefängnis werden – dann will ich nichts gegen den famosen Engel gesagt haben –, möchte ich flugs ein Wort zu dem Ehepaar Schulze-Boysen verlieren, die beide hingerichtet wurden.

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