Kolumne: Lieber Herr Thadeusz,

Es sind Männer, die auf den Foren von Spiegel Online oder tagesschau.de sagen, wie die Dinge zu sehen sind. Der Tonfall der Beiträge legt diesen Schluss nahe. Immer Biertrinker-aggressiv, alles formulierte Ohrfeigen. Frauen gehen anders vor, wenn sich ihr innerer Dämon regt. Die machen dagegen Yoga. Oder kaufen sich in einem Esoterik-Geschäft eigenartige Heilsteine. Oder sie weinen einfach mit einer Freundin am Telefon. Männer wie „watermark71“ haben dagegen so lange im Forum recht, bis das Dröhnen im Kopf nachlässt. „Der Amerikaner will es so“, war der Beitrag übertitelt, den „watermark71“ eingestellt hat. Darin war haarsträubender Unsinn darüber zu lesen, warum sich die Menschen an der US-Ostküste die Naturkatastrophe des Hurrikans selbst zuzuschreiben haben. Kein Mitgefühl. Nicht einmal mit denen, die ihr Haus verloren haben. Natürlich nicht.

Wer Mitgefühl will, der muss sich in eine ARD-Talkshow setzen. Ins Forum trauen sich nur die anonymen Harten. Und apropos Mitgefühl: Wer von den anderen Kunden hatte denn für ihn Verständnis, als „watermark71“ am Vormittag vielleicht mit dieser Kassiererin stritt? Sind acht Cent kein Geld? Um die hatte sich diese Natter schließlich zu seinen Ungunsten verrechnet. Gut, andere würden dann nicht gleich mit dem Anwalt drohen. Aber „watermark71“ ist eben kein De-Eskalierer.

Bei „Werner40“ ist das anders. Er meint es nur gut und hat für die Amerikaner auf tagesschau.de den naseweisen Hinweis parat, sie hätten lieber nicht soviel Geld für ihr Militär ausgeben sollen. Eine schöne Vorstellung, wie „Werner40“ mit einem Lautsprecherwagen durch die Straßen des New Yorker Stadtteil Queens fährt. Um seine Nachricht in diesem überheblichen „Dumm gelaufen“-Stil den Betroffenen schön laut vorzulesen. Ich ahne, dass es für „Werner40“ momentan unheimlich gut läuft. Wahrscheinlich ist er nicht der Schönste. Fliehendes Kinn, ein recht drastischer Überbiss. Schon seine Mutter hat ihn womöglich immer mit traurigen Augen angesehen und dann geflüstert: „Man kann es sich halt nicht malen, mein Wernerchen.“ Das war bestimmt lange schwer für ihn. Bis er kürzlich sah, wie groß dieser Ponader von der Piratenpartei rausgekommen ist. Ständig Fernsehauftritte, immer umgeben von schönen Parteifreundinnen. Genau wie Ponader sieht auch „Werner40“ immer aus, als würde er wie ein Autoinnenraum riechen. In dem ganz oft ein nasser Hund mitgefahren ist. Anders als die Skandalnudel von der Piratenpartei geht „Werner40“ sogar arbeiten. Bestimmt als Kontrolleur in der U-Bahn. Oder als Politesserich.

Selbstverständlich kenne ich keinen dieser Schreiber persönlich. Alles Spekulation. Vielleicht sind die in Wahrheit auch ganz anders. Tadellose Arbeitskollegen, zuverlässige Kegelbrüder. Nur im Forum werden sie zu Besserwisserbestien. Wie „pedro_bergerac“, der sich mit der Mitteilung auf Spiegel Online entlädt, der Sturm in Nordamerika sei lediglich „ein inszeniertes Medienspektakel“.

Wer sowas hinschreibt, während woanders noch Menschen wegen des Hurrikans sterben, empfängt zweifellos zu wenig Liebe. Eben leider nur die Art von Zuwendung, die ein Bildschirm auf den Seiten für entsprechend Bedürftige hergibt. Selbstverständlich mit Kommentarfunktion.

Jörg Thadeusz , RBB-Moderator.