Letztes Jahr im September infizierten sich 11 000 Kinder mit Noroviren. Sie wurden vom Schulessenlieferanten Sodexo verpflegt. Für ein Mittagessen in einer Berliner Schule bekommt Sodexo 2,10 Euro. Die Mahlzeit eines Berliner Schulkindes ist in der Regel stundenlang unterwegs gewesen, bevor das Kind sie verspeisen kann. Berlin, die Stadt der geschlossenen Fabriken, die Stadt der Arbeitslosigkeit lässt sich für ihre Bildungseinrichtungen das Essen irgendwo außerhalb der Ländergrenze kochen.

Fünf Monate später, nach Wiedergutmachungsversuchen (für 2,10 Euro kann man schwerlich etwas gut machen), immer wiederkehrenden Empörungswellen, falsch deklarierten Lebensmitteln, gefühlten einhundert Sandra-Maischberger-Sendungen zu Themen wie „Sind wir zu dick?“, „Warum sind wir zu dick?“, „Macht Essen krank?“ und „Essen wir uns doof und dick?“, wird im Berliner Parlament darüber diskutiert, ob ein Schulessen 3,25 Euro oder 3,90 Euro kosten darf. Eine Frage, die deutschlandweit alle Schulen betrifft: Was darf Schulessen kosten, wer soll es bezahlen?

Vielleicht bin ich ja schon zu dick und zu doof, aber die Frage ist doch wohl ganz einfach zu beantworten. Das Essen kostet, was es eben kostet, ein Kind liebevoll, raffiniert und gesund zu ernähren. Wir haben Schulpflicht in Deutschland und finanzieren die Lehrer, den Schulhausmeister, den Putzmann. Wieso sollen Eltern Köche und Essen bezahlen? Die Steuergemeinschaft stellt die gesamte Lerninfrastruktur zur Verfügung. Da ist es doch eine Selbstverständlichkeit, dass wir Bildungseinrichtungen schaffen, in denen Kinder einer G8-Nation würdig versorgt werden und lernen, wie vielfältig Ernährung sein kann. Ich spreche von Speiseplänen, die der Herkunft der Kinder gerecht werden und sich dem kulinarischen Repertoire der Weltküche gemäß verhält. Ich spreche von Speisen, die in Küchen gekocht und nicht in Fabriken hergestellt wird. Ich spreche von frischen Lebensmitteln und nicht von Produkten mit Verpackung.

1,2 Milliarden Euro werden demnächst als Betreuungsgeld ausgeschüttet. In Berlin geht es um armselige 6 Millionen Euro Mehrkosten bei der Schulverpflegung, über die der Senat unermüdlich diskutiert. Es haben sich bereits Rentner zusammen getan, um Kindern morgens belegte Brote in Hilfspaketen zu schenken.

Wir schmeißen die Ernte der Bauern auf den Feldern weg, weil die Größe der Kartoffeln und Äpfel um ein paar Millimeter vom Standard abweichen und in den Schulen sitzen Kinder von Sozialhilfeempfängern mit knurrenden Mägen und können sich in der Schulkantine keine Mahlzeit leisten.

Das ist so peinlich, so beschämend, so unbeschreibbar skandalös, so unsagbar widerwärtig, dass man es nicht fassen kann. Wir müssen aufpassen, dass wir als Bürgergesellschaft sozial nicht völlig degenerieren. Tja, aber was will man von einer Gesellschaft erwarten, die gemeinsam isst und getrennt zahlt?

Über Essensgeld in Kitas und Schulen hat es keine Debatte zu geben. Das finanzieren wir zu 100 Prozent über unsere Steuern – fertig aus! Wer mehr verdient, zahlt ohnehin mehr Steuern, wer weniger hat, hat weniger Abgaben, wer keine Kinder hat, zahlt umso lieber, denn Kindern Essen zu finanzieren, ist eine Ehre, die Vergnügen bereitet.

Ihre Mely Kiyak