BerlinEines Morgens in der  vergangenen Woche stand mein Mann neben meinem Schreibtisch und hielt mir sein Handy mit einer Schlagzeile hin. Dazu muss man sagen, dass wir zwar beide im Homeoffice arbeiten, mein Mann aber meistens schweigend vor sich hin, damit er bis um halb vier fertig ist, um die Kinder aus der Kita abzuholen.

Jetzt hatte er bei der BBC eine besondere Nachricht entdeckt. „Zalando boss to quit to prioritise wife’s career“, las ich auf dem Handy. Der Co-Chef des Modehändlers Zalando, Rubin Ritter, hört auf, die Karriere seiner Frau soll in den nächsten Jahren Priorität haben. Die Ritters bekommen im Januar ein zweites Kind, der Manager will sich dann stärker um die Familie kümmern. Seine Frau ist Richterin.

Es ist das erste Mal seit längerer Zeit, dass ein deutscher Mann internationale Schlagzeilen macht, der kein Virologe oder Kannibale ist. Mein Mann hat zwar kein Mode-Imperium geschaffen, freute sich aber, dass Rubin Ritter ihm nacheifert.

Die Maßstäbe von Männlichkeit ändern sich

Das Besondere beim Zalando-Manager ist allerdings nicht, dass er für seine Familie einen Karriere-Rückschritt macht. Besonders ist, dass er es öffentlich machte. Glücklicherweise gibt es davon doch etliche Männer, sie reden nur normalerweise nicht drüber. Vielleicht aus Bescheidenheit oder auch Scham, nicht dem geltenden Männerklischee vom „Hauptverdiener“ zu entsprechen. Wie stark dieses Klischee in den bundesdeutschen Strukturen steckt, daran erinnert jedes Jahr die Einkommenssteuererklärung, die stets an den Ehemann adressiert ist, auch wenn die Ehefrau doppelt so viel verdient.

Rubin Ritter spricht über den Grund für seinen Rückzug, dafür muss man ihm dankbar sein, denn so kann er zur Identifikationsfigur für andere werden. Und dabei ist fast egal, ob er später wirklich die Waschmaschine füllt. Er ist ein Beleg dafür, wie sich langsam, aber stetig die Rollenvorstellungen und Maßstäbe von Männlichkeit ändern. 

Man muss Ritter vielleicht nicht als feministische Ikone feiern, aber es überrascht schon, dass die Resonanz auf die Ankündigung des Managers bei den sonst so wortmächtigen Feministinnen in den sozialen Medien eher gering blieb. Auf Instagram läuft ein Wut-Hashtag namens #meanwhileimjahr2020, bei dem sich Mütter darüber beklagten, dass die gesellschaftliche Atmosphäre so reaktionär wie in den 50er-Jahren sei. Die Fünfziger! Da durften die Frauen in der Bundesrepublik keinen Job annehmen, ohne ihren Mann zu fragen. Und wenn man damals einem der Chefs der Weltkonzerne wie Siemens oder AEG vorgeschlagen hätte, sich zurückziehen, um seiner Frau beruflich den Vortritt zu lassen, hätte der wahrscheinlich den Notarzt gerufen. 

Leider keine Elternzeit

Fällt es Feministinnen schwer, einen Mann zu loben? Oder hat der Zalando-Mann zu viel Geld? Bei Millionären sei das Aussteigen einfacher, mäkelte jemand auf Twitter.

Vielleicht stimmt das. Aber ich habe auch den Eindruck, dass das mit dem Geld gerne vorgeschoben wird. Wie oft habe ich von gut verdienenden Vätern das Argument gehört, dass sie wegen des Geldes leider keine Elternzeit nehmen können. Und von anderen, schlechter verdienenden Paaren weiß ich, dass sie vorab Geld gespart haben, damit beide Elternzeit nehmen können. Es ist doch eine Frage der Prioritäten, daran erinnert Rubin Ritter. Und jeden Chef, der sagt, er könne nicht Elternzeit nehmen, kann man künftig an die Erklärung des Zalando-Chefs erinnern.