Ein Schild raushängen oder vielleicht doch lieber diskutieren
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Tochter: Ich habe einen Mitschüler, mit dem ich sehr viel diskutiere. Er ist sehr rechts und trägt das offen zur Schau. Es ist gut, mit ihm zu diskutieren, aber manchmal weiß ich nicht, wie ich reagieren soll, wenn er zum Beispiel was wirklich Fremdenfeindliches oder Antisemitisches raushaut. Da werde wütend.

Mutter: Was sagt er denn?

Er macht Witze über Ausländer und über Frauen. Da hab ich Schwierigkeiten, ihn nicht zu beleidigen oder persönlich zu werden. Ich will mich nicht auf das Niveau herablassen, das ich an ihm kritisiere. Aber das fällt mir unheimlich schwer.

Hält er sich für was Besseres als Frauen oder Ausländer?

Ja, schon. Ich hab ihn gefragt, was ihn besser macht, als jemand aus Afrika. Er sagt dann, jeder kann ja da bleiben, wo er ist und nicht zu uns kommen. Ich möchte ihm dann gern ins Gesicht schreien, du bist ein Rassist, halt die Klappe, ich bin froh, dass du politisch nichts zu sagen hast. Es ging dann um rechte Parteien und um die AfD. Er hat gesagt, die AfD ist keine Nazi-Partei. Das verstehe ich sogar. Richtige Nazis sind das nicht. Der Vergleich stimmt nicht. Aber ich bin froh, dass die richtigen Nazis politisch keine Macht haben. So was sage ich dann.

Der provoziert dich.

Er glaubt aber dran, dass Gleichheit nicht wichtig ist, dass Frauen weniger wert sind, dass Ausländer dahin gehören, wo sie herkommen.

Man kann niemanden ernst nehmen, der behauptet, Frauen seien weniger wert als Männer. Da würde ich nicht mehr diskutieren.

Es führt aber auch zu nichts, solche Leute zu ignorieren. Damit ändert man ja nicht ihre Haltung.

Die wollen doch ihre Haltung nicht ändern.

Aber damit schaffe ich mir ja nur das Problem vom Hals. Wenn ich frage, „glaubst du, nur weil du als Mann geboren bist, hast du mehr Rechte verdient?“, kriege ich ihn doch eher zum Nachdenken als durch ignorieren.

Nimmt das zu? Gibt es mehr solche Leute an deiner Schule als früher?

Würde ich nicht sagen. Es sind eher mehr Leute, die sagen, „mir doch egal, mit solchen Typen beschäftige ich mich nicht“. Es gilt als cool, meinungsfrei zu sein, wer viel diskutiert, ist überengagiert. Aber so kriegen Leute, wie der Typ mehr Aufmerksamkeit. Er sagt ja auch, er kann seine Meinung nicht frei äußern, weil er immer niedergemacht wird.

Ich habe in einer Studie gelesen, dass 68 Prozent der Jugendlichen in Deutschland glauben, dass sie ihre Meinung nicht frei äußern können. Man werde gleich als Rassist beschimpft, wenn man was gegen Ausländer sagt. Glaubst du das auch?

Nö. Man kann das sagen. Es kommt aber drauf an, was man für Freunde hat. Wenn die vielleicht sehr links sind, wird man schon beschimpft. Vielleicht zu Recht. Kommt drauf an, was man sagt. Ich versuche halt, Menschen nicht als Rassist zu beschimpfen. Ich diskutiere über das Argument. Ich finde es generell nicht gut für eine Diskussion, wenn man Menschen als irgendwas bezeichnet.

Stimmt. Und trotzdem gibt es einen Punkt, an dem ich mich abgrenzen möchte. Wenn jemand hetzt, möchte ich, dass derjenige spürt, dass er damit abgelehnt wird.

Na ja, ich sage lieber, dass das, was er sagt, rassistisch und asozial ist, aber ich nenne ihn nicht Rassist. Ich kann seine Argumente entkräften, das ist doch ziemlich easy, aber ich muss ihm keinen Stempel aufdrücken.

Was reizt dich daran, mit Leuten zu diskutieren, die sich jenseits gesellschaftlich akzeptierter Positionen bewegen. Warum muss man mit denen weiter reden?

Weil ich ihnen zeigen will, dass sie Unrecht haben, sie hören ja nicht auf, rassistisch zu sein, wenn man nicht mehr mit ihnen redet. Die machen weiter, werden immer saurer, sie denken, dass sich keiner mehr für ihre Meinung interessiert und dann werden sie immer radikaler. Hinter ihren Bemerkungen stecken auch Ängste. Um die kann man sich kümmern. Oft sind es Ängste, die andere auch haben, sie haben bloß krassere Weltansichten und Lösungsvorschläge. Ich möchte diesen Leuten zeigen, dass man die Probleme anders lösen kann. Sie sollen mich verstehen und über ihre Position nachdenken.