Kolumne: Obsessionen machen blind

Schon eine Minute bevor der Expresszug an einer New Yorker U-Bahnstation für Bummelzüge vorbeidonnert, summt und rumpelt es in den Schienen. Dann leuchten die Scheinwerfer auf und die stahlfarbenen Waggons zerschneiden kreischend die Luft auf dem Bahnsteig, während sie vorbeirasen. Drinnen ist der Lärm immer gleich. Er poltert im Rhythmus der alten Schwellen und durchquert ganze Stadtteile in nur wenigen Augenblicken.

Die Menschen in den Abteilen hören Musik oder lesen, manche reden miteinander, einige schlafen. Je voller der Zug, desto höflicher respektiert man den Nachbarn. Die Leute verständigen sich mit einem kleinen Lächeln über Platznot oder laute Jugendliche. Diese Sprache ist universell. Mir gegenüber sitzt ein Chinese, neben ihm ein Indio aus Mexico und ein frommer Jude aus Brooklyn. Zwei Westafrikaner unterhalten sich im Stehen, eine dominikanische Frau setzt sich, ein Junge ist für sie aufgestanden.

New York ohne Nahostkonflikt

New York ist die Stadt der Einwanderer. Alle hier sind irgendwann von irgendwo her eingewandert. Und während der Zug mit der ganzen Welt zur nächsten Haltestelle rast, fehlt hier etwas: die Konflikte um und mit Israel. Kaum ein anderes Thema bringt in Deutschland derart obsessive Leidenschaft hervor wie Israel und die Juden. Aus der Perspektive jeder zufälligen Gesellschaft in der New Yorker U-Bahn wirkt das absurd.

Der Nahostkonflikt ist wichtig, gewiss. Doch die Aufregung und Demagogie, die er im weißen Europa entfesselt, wirkt hier befremdlich. Die meisten New Yorker Einwanderer haben ihre Länder verlassen, weil sie tödlichen Diktaturen entkommen wollten oder korrupten Regierungen, Milizen, religiösen Fanatikern, Bürgerkriegen oder Diskriminierungen. Weil in dieser Welt viele Konflikte wichtig sind: Indien, Pakistan, Vietnam, Kambodscha, Kongo, Sudan, Mexiko oder Syrien. Verteilungskonflikte,

Wachstumsschmerzen der Globalisierung, Drogenkriege, unterdrückte Minderheiten, unterdrückte Frauen, unterdrückte Freiheitsrechte. Fragen wir nach, was die U-Bahnfahrer neben den Alltagssorgen beschäftigt! Der Nahostkonflikt mag einer von vielen sein.

Juden sind schuld

Doch es ist ein Konflikt, der vor allem die Weißen umtreibt. Und unter ihnen besonders die Deutschen. Alles andere ist ihnen egal, ihre Obsession mit den Juden macht blind für die Entwicklungen in der Welt, für die Gefahren und für die Chancen. Allein in Brasilien sind in den letzten Jahren 20 Millionen Menschen in die Mittelschicht aufgestiegen, dreimal so viele waren es in China. Und in den arabischen Ländern protestieren die Menschen, weil es dort nicht so ist. Die Welt verändert sich.

Das alles hat nichts mit Israel und den Juden zu tun, obwohl dieser Eindruck sich aufdrängt, folgt man den deutschen Diskussionen um Gaza. Ständig geht es um den Nahostkonflikt, ums Finanzkapital, Verschwörungen, Kapitalisten. Und die Juden sind schuld an alledem.

Irgendwann hält auch der Expresszug mit quietschenden Bremsen, Leute steigen ein und aus. Und wieder ist es ein Ausschnitt aus einer Welt, in der Menschen andere Sorgen haben, als ständig über Juden nachzudenken. Wer das nicht versteht, bleibt am Ende auf einem jener Bahnhöfe zurück, an dem nur die Bummelzüge halten, während die Zukunft einfach vorbeidonnert.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.