Sabine Rennefanz
Foto:  Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinEs wurde in den vergangenen Tagen oft geschrieben, auch von mir, dass wir wegen Corona einen Backlash bei der Gleichberechtigung erleben.

Inzwischen zeigt sich eher, dass uns die Krise die bestehenden ungleichen Machtverhältnisse nur deutlicher vor Augen geführt hat. Es gibt keinen Backlash, der Vorhang ist nur weg. Die Frau an der Spitze des Landes, Angela Merkel, und die vielen Diskussionen über MeToo in den vergangenen Jahren haben verborgen, dass sich in Deutschland für Frauen nicht so sehr viel geändert hat, besonders für Mütter. Mütter arbeiten eher Teilzeit, übernehmen mehr Kinderbetreuung als Väter, das kann man in jeder Statistik lesen, und das ist sogar so, wenn die Frau in Vollzeit arbeitet und der Mann nicht erwerbstätig ist, wie eine DIW-Studie kürzlich zeigte. Das ist alles bekannt, doch in den vergangenen Wochen erfuhr das Thema größere Aufmerksamkeit, selbst männliche Politik-Journalisten schrieben über Gleichberechtigung.

Wenn ich in mein Umfeld schaue, drehten sich die Diskussionen der Frauen vor allem um die gestiegene Belastung, die Erschöpfung, darum, was der Staat dagegen tun kann: Kitas und Schulen auf, zusätzliches Elterngeld, die Abschaffung des Ehegattensplittings. Weniger diskutiert wurde, wie groß die individuelle Verantwortung für die Gesamtlage ist. Der Gesetzgeber schrieb die Gleichberechtigung ins Gesetz, sagte der inzwischen verstorbene Soziologe Ulrich Beck schon in den 80er-Jahren, aber die Widersprüche müssen die Paare selbst aushandeln. Das kann ihnen niemand abnehmen, keine Ministerin, kein Konjunkturpaket. Anders gesagt: Warum fordern Frauen nicht mehr? Warum bestehen sie nicht auf einer fairen Aufteilung der Betreuung und Hausarbeit? Wann, wenn nicht jetzt?

Die Frauen in meinem Umfeld, die am lautesten über das „System“ schimpfen, sind auch die, die unbedingt zwölf Monate Elternzeit nehmen wollen und die über den Partner schimpfen, weil er dem Kind auf dem Weg zur Kita die falschen Socken angezogen hat. Das klingt vielleicht ein bisschen unfair, aber mir fehlt da manchmal die Geduld. Und das Dilemma fängt ja schon vor der Schwangerschaft an. Frauen daten nach oben, das heißt, sie suchen sich eher Partner, die älter sind und mehr verdienen.

Wenn ich erzähle, dass ich meinem späteren Mann beim ersten oder zweiten Date gesagt habe, dass ich mir die Kindererziehung gleichberechtigt teilen will, werde ich immer angeschaut, als stimme etwas nicht mit mir, als sei ich etwas merkwürdig, aggressiv, definitiv zu pushy. Manchmal wird das meiner Herkunft zugeschrieben, Ostfrau, qua Geburt emanzipiert und forsch. So wird es nach dreißig Jahren Einheit überall erzählt. Ich bin selbst ein Widerspruch dieser These. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Alleinverdiener. Die beiden führten eine klassische westdeutsche Ehe, nur halt im Osten. Ich wollte es anders machen, ohne genau zu wissen, wie.

Wenn Soziologen von Aushandlungsprozessen reden, die zwischen den Partnern für eine gleichberechtigte Aufteilung notwendig seien, klingt das strukturiert, nach Power Point und Flip Chart. Ich nenne es lieber: Kampf. Es ist anstrengend, oft chaotisch, und manchmal fließen Tränen. Und man fängt immer wieder von vorn an: Erst kommt ein Kind, noch eins, Kita, Schule, nun noch Homeschooling-Chaos. Immer wieder wird alles umgeworfen und muss neu sortiert werden. Renate Schmidt, die Ex-Ministerin, wird im Stern mit den Worten zitiert, dass die Frauen nichts fordern, weil sie lieber ein bequemes Leben wollen. Sie liegt hoffentlich falsch.