Das Expertenunwesen greift um sich. Ich bin dabei. Aus dem Bullauge des Flugzeugs schiele ich auf eine geschlossene Wolkendecke und habe ein ungutes Gefühl. Auf dem Weg zu einem spannenden Reiseziel: Mali. Ja, ich bin neugierig, freue mich auf Menschen, Musik, Erlebnisse und Einsichten. Ich bin gerne Journalist – und lange genug, um alle Absurditäten und Anmaßungen dieser Profession zu kennen. Ich habe mir ein hübsches Achtelwissen angelesen, Fragen notiert, Ideen skizziert. Mal gucken. Das Problem: Minuten nach meiner Ankunft werde ich Experte sein. Einfach weil ich dort bin, vor Ort. Führe ich nach Mallorca, wäre dies kein Thema. Das ist quasi ein Vorort, da kennen sich alle irgendwie aus. Glauben es zumindest. Mali ist anders. So weit weg. So exotisch. Und in den Schlagzeilen. Wer weiß schon was über Mali?

Es kann passieren, dass ich die falschen Leute treffe, die falschen Fragen stelle, das Wichtigste, die entscheidenden Worte, Orte übersehe, überhöre, verpasse. Am Ende die falschen Schlüsse ziehe. Egal, wie falsch ich liege: Ich werde Experte sein. Denn die Menschheit sehnt sich nach Experten. Ihre Welt ist allzu unerträglich komplex, um auch nur ansatzweise greifbar zu sein. Wer? Was? Warum? Sie will die einfach Wahrheit; die griffige, glasklare Deutung; den Merksatz, den man nachsprechen kann. Wohin steuert Mali? Wie tickt der Islamist? Wird Deutschland mitkämpfen? Im Wachtraum sehe ich 80 Millionen Deutsche, übergewichtig und krebsrot, mit Wagenhebern bewaffnet, wie sie durch die Wüste stolpern und den Vollbärtigen nachstellen, sie bis zum Mittelmeer jagen. Ich hätte diesen Aperitif nicht trinken sollen. Die Wolkendecke ist noch immer dicht.

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