Letzte Woche lud mich ein kleiner Verein namens Allmende e.V. in Berlin-Kreuzberg zu einer Veranstaltung. Es sprachen Elif Kubasik, die Witwe des 2006 mutmaßlich vom NSU ermordeten Dortmunder Kioskbesitzers Mehmet Kubasik und ihr Anwalt Carsten Ilius. Elif Kubasiks Auftritte in der Öffentlichkeit beschränken sich auf eine Demonstration, in der sie gemeinsam mit der Kasseler Familie Yozgat, die ihren Sohn Halit zwei Tage nach dem Mord an Herrn Kubasik verlor und der Nürnberger Familie Simsek, die im Jahr 2000 vermutlich das erste NSU Opfer wurden, und seitdem den Tod des Familienvaters und Blumenhändlers Enver betrauert.

Die Angehörigen flehen in der Dortmunder Innenstadt, wie man aus Filmaufnahmen sehen kann, verzweifelt darum, „endlich die Augen zu öffnen!“ und: „Polizei, Innenminister, macht etwas!“ An die Mitbürger gewandt: „Bitte. Es kann doch nicht sein, dass sie nichts gesehen haben!“ Das war 2006. Seitdem hat sich Elif Kubasik, wie die meisten Opfer auch, zurückgezogen und wartet auf Aufklärung und Gerechtigkeit.

Einmal aber war Elif Kubasik doch gezwungen öffentlich aufzutreten. Verantwortlich dafür ist Bundespräsident Joachim Gauck. Im Februar dieses Jahres lud er die Hinterbliebenen der NSU-Opfer ein ins Schloss Bellevue. Es gab im Vorfeld Streit, weil das Bundespräsidialamt die Anwesenheit der Anwälte nicht erlaubte. Man muss wissen, was die Rechtsanwälte für die Opfer bedeuten, um zu begreifen, weshalb daraufhin zahlreiche Absagen eintrafen.

Erstmals erhalten die Angehörigen juristischen Beistand und Einsicht in Ermittlungsakten als Opfer und nicht mehr als Verdächtige. Sie erfahren, dass sie Rechte haben und dass ihre Familientragödie Teil einer großen deutschen Tragödie ist; die Anwälte sind Informationsbrücke zu neuen Erkenntnissen. Sie geben den Opfern Sicherheit. Sie sind auch ein Schutzwall. Den benötigen sie dringend, wie die Geschichte zeigt, die Frau Kubasik uns an diesem Abend in Kreuzberg erzählte.
Ihre Version des Treffens auf Schloss Bellevue unterscheidet sich eklatant von den Bildern, die wir abends in der Tagesschau sahen, wo ein Präsident einem hilflos schreienden Vater den Arm um die Schulter zu legen versucht und damit den Anschein der inneren Anteilnahme erweckt.

Moderatorin: Wie verlief die Begegnung mit Bundespräsident Gauck?

Elif Kubasik: Er hat uns für knapp zwei Stunden ins Schloss geholt. Es gab ein Mittagessen. Wir wurden vor die Presse geführt, die Fotografen durften uns fotografieren. Danach hat er sich mit beiden Händen in die Luft winkend von uns verabschiedet. Da habe ich gedacht: Sind wir jetzt für ein Mittagessen gekommen? Wenn Du mir als Staatspräsident keine Zuversicht geben kannst, dann brauche ich Dich nicht. Wozu hast Du uns eingeladen?

Moderatorin: Worin lag der Unterschied zu dem Treffen mit Bundespräsident Wulff?

Elif Kubasik: Der Unterschied bestand darin, dass Christian Wulff sich stundenlang Zeit für uns nahm. Er saß bei uns. Er redete mit uns, fragte wie es uns geht, was die Kinder machen. Welche Schulen sie besuchen. Wo sie arbeiten. Er interessierte sich für unsere Familien. Einmal weinte er, als er sprach. Er blieb bis zum Schluss und verließ als Letzter den Raum. Keine Presse. Keine Fotografen.

Ihre Mely Kiyak