Kolumne : Was wollen die Grünen heute noch?

Da sieh doch mal einer an. Die Grünen! Sind sie nicht großartig? Eine Partei wie aus dem Bilderbuch. Transparent, engagiert, fest die Zukunft im Blick. Lasst doch die CDU zur Merkel-AG verkommen und die FDP sich zerlegen, die Sozialdemokraten in Kungelclubs rumbaldowern und die Linken der Nabelschau frönen. Schaut auf die Grünen! Die machen einfach alles richtig. Küren doch glatt zwei Spitzenleute für die Bundestagswahl, die selbst Christdemokraten zu Tränen rühren. „Wohltuend normal“ seien die Ökos geworden, finden Kommentatoren, und selbst ausgewiesene Grünenhasser geben sich furchtbar freundlich. Was ist passiert?

Da war mal eine Partei, für die es nichts Wichtigeres gab, als sich politisch zu unterscheiden. Inzwischen sehnt sie sich nach der Mitte und um Zustimmung bei der Masse. Eigenheim statt Pflasterstrand.
Ist das nicht bestens? Nie waren die Grünen so besonnen und politrational. Machtstrategisch einfach perfekt. Und um Macht geht es schließlich. Doch dazu braucht es den passenden Auftritt nach außen. Wer will schon zurück zum berüchtigten grünen Stil, zu Streit, Furor und Kübel voller Emotionen?

Wo ist der irrationale Haufen?

Heute haben sich alle in der Partei so sagenhaft lieb, öffentlich würden sie sich nie wehtun. Das erledigen sie dann lieber heimlich, zum Beispiel bei einer Kandidatenwahl. Da war mal eine Partei mit der Botschaft: Wir wollen die Utopie leben! Und heute? Was wollen die Grünen jenseits dessen, was längst zum Standard aller Parteien gehört. Wo ist der irrationale Haufen geblieben, dessen Zukunftsvisionen so irrsinnig rational waren? Zu Kretschmännern und -frauen geronnen?

Zweifellos ist Katrin Göring-Eckardt, weiblicher Teil des grünen Spitzenduos, eine gewinnende Frau. Eher zurückhaltend, unaufgeregt, eine Freude für jeden Schwiegervater. Vielleicht auch ein wenig indifferent.

Viel weniger laut und lästig als ihre Kontrahentin Claudia Roth, über die in der Süddeutschen Zeitung stand: „Roth kann Politik und Pop. Aber sie kann auch peinlich.“ Okay, in einem früheren Leben war Katrin Göring-Eckardt mal eine glühende Verfechterin der Agenda 2010 und hat Hartz IV begeistert mit verbrochen, aber das kann ja jeder mal passieren. Offenbar wurde sie durch ihr kirchliches Engagement sozial geläutert, auch wenn niemand so recht weiß wie.

Wofür wurde Roth abgestraft?

Um die Grünen-Vorsitzende Roth aus dem Rennen zu schlagen, reichte es wohl. Claudia Roth, so heißt es in Kommentaren, wurde von ihrer Partei abgestraft. Abgestraft? Wofür bitte schön? Dafür, dass sie sich seit Jahren den A... für ihre Partei aufgerissen hat? Dass sie auf ihre spezielle Art für urgrüne Ideale stritt und damit die Seele der Basis hätschelte? Dass sie gequält gute Miene machte, wenn sie von taz bis FAZ verspottet wurde – als Frau, als Gefühlsmensch, als Überzeugungstäterin?

Von einem Despoten wie Joschka Fischer, der die Hälfte der Menschen verachtet und die andere Hälfte nicht leiden kann, hat sich die Partei jahrelang demütigen lassen. Aber eine wie Claudia Roth will man im Wahlkampf lieber verbergen. Nicht massenkompatibel. So wie die gute, aber schrullige Tante, die man zwar liebt, doch nie seinen Freunden vorstellen würde. Da war mal eine Partei, die pfiff auf die Meinung der Mehrheit. Sie wollte, dass das Unmögliche möglich wird, nicht nur das Machbare. Sie hieß die Grünen.