Das Gute im Schlechten sehen: Es wäre ein Ansporn, wenn dieser Spruch sich auf den Fall Karl Theodor zu Guttenberg und die Medien münzen ließe. Schlecht daran war etliches. Gut wäre, wenn wir Journalisten daraus lernen würden – auch und gerade jetzt, wo der Mann seine politische Wiederkehr betreibt.

Schlecht war, dass viele Zeitungen und Sender sich von dem Baron haben blenden lassen und ihn lange, zu lange feierten; dass auch wir professionellen Beobachter seine Schwächen – den Wankelmut, die Willkür, die inhaltliche Leere – oft übersehen oder nicht ausreichend beleuchtet haben; dass der Hype, den wir später beklagten, zu einem guten Teil von unserer Zunft ausging – von den ungezählten wohlwollenden Porträts, den lobreichen Kommentaren, den oft unkritischen Interviews. Schlecht war, dass nur wenige Journalisten nachhaltig misstrauisch wurden, als der Polit-Star zuweilen so gar nicht glanzvoll agierte, als er im Amt des Wirtschaftsministers beim Streit um die Staatshilfe für Opel nur kurz den harten Hund gab – um dann sehr schnell den Schwanz einzuziehen; als er im Amt des Verteidigungsministers während der Kundus-Affäre sehr schneidig auftrat, um dann, ganz mickrig, zwei loyale Mitarbeiter zu schassen; als er es mit der Selbstinszenierung so weit trieb, dass jeder Mensch mit Augenmaß abgestoßen sein musste. Schlecht war, dass Guttenberg die Gunst der meisten Medien erst dann verlor, als man ihn der Lüge und des Diebstahls geistigen Eigentums überführte.

Wir Journalisten hatten uns zu sehr auf die Person Guttenberg fixiert und wollten zu wenig wissen, was hinter dem Aufsehen steckte, das der Mann erregte, hinter dem Interesse, das er weckte, hinter der Popularität, die er genoss und bisweilen noch genießt. Zu oft mutmaßten wir darüber, was ihn an- und umtreibt, wie er denkt oder gar fühlt anstatt auszuloten, was die vielen Menschen bewegt, die ihm applaudierten.

Das Gute im Schlechten sehen: Gut wäre, wenn dieses Versagen in der Vergangenheit uns eine Mahnung für die Zukunft wäre; wenn wir beim nächsten Mal früh genug, scharf genug hinschauten; wenn wir uns nicht schon davon einnehmen ließen, dass einer jung, fesch und charismatisch ist. Gut wäre, wenn wir zwar anerkennen würden, dass er ein paar unbequeme Wahrheiten ausspricht und Reformen anstößt, auch wenn seine Partei ihm dafür grollt; dass wir aber nicht schon deswegen vor ihm in die Knie gingen; wenn wir keinen Augenblick lang vergäßen, dass Distanz im Umgang mit dem, über den wir berichten, eine Tugend ist. Gut wäre, wenn wir die Zahl der Zeilen und Sendeminuten für eine Person und ihre Performance drosselten und stattdessen seine Politik, die seiner Partei oder seiner inhaltlichen Konkurrenten ins Zentrum unserer Berichte stellten; gut wäre schließlich, wenn wir nicht einfach auf den nächsten starken Menschen starrten, sondern wissen wollten, welche Bedürfnisse in der Bevölkerung er warum befriedigt, welche Sehnsüchte in der Gesellschaft er womit bedient.

Die Chance, es besser zu machen als damals, ist eigentlich schon da. Karl Theodor zu Guttenberg hat sich zurückgemeldet. Ob wir den Personenkult fortsetzen oder ihn stoppen, ob wir unseren Blick weiten oder nicht, ob wir People-Journalismus betreiben oder davon die Finger lassen, liegt an uns.

Ferdos Forudastanist freie Autorin.