Die Verkehrskommission der Bundesregierung hatte sich bereits 2018 für eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometer ausgesprochen.
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BerlinBei Fußball und Auto hört in Deutschland der Spaß auf – oder fängt bei einigen Mobilisten erst an. Fahrspaß nennt man das. Dass solches Vergnügen keine Privatangelegenheit einiger Autonarren ist, beweist die neueste Ausgabe der ADAC Motorwelt, Zentralorgan der Asphaltritter. Darin wird unter der Überschrift „Das Imperium schlägt zurück“ von dem in Stuttgart gebauten Porsche Taycan geschwärmt: „Ein sündhaft teurer und atemberaubend schneller Sportwagen.“ Das 625-PS-Modell könne in 10 Sekunden von 0 auf 200 km/h beschleunigen. Es gäbe bereits 30.000 Vorbestellungen – eine Jahresproduktion. 

Andreas Scheuer- die wohl trübste Zündkerze der Regierungsbank

Derlei technische Siegesmeldungen passen so gar nicht in die Debatte über ein fälliges Tempolimit auf deutschen Autobahnen, „dem letzten Stück Freiheit“. Die Verkehrskommission der Bundesregierung hatte sich immerhin schon 2018 für eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometer ausgesprochen. Eine Entscheidung, die Verkehrsminister Scheuer – die wohl trübste Zündkerze auf der Regierungsbank – zu der abenteuerlichen Äußerung veranlasste, diese Vorschläge seien „gegen jeden Menschenverstand“. Die Anregungen würden mit „völlig überzogenen, realitätsfernen Gedanken spielen“, „Zorn, Verärgerung und Wohlstandsverlust in der Bevölkerung hervorrufen“.

Wie uns die Statistiken verraten, sind inzwischen 51 Prozent der Deutschen für ein Tempolimit auf Autobahnen – 47 Prozent dagegen. Noch die plausibelsten Argumente pro und kontra Auto geraten hierzulande zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen. Immerhin ist es 1972 gelungen, ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf Landstraßen durchzusetzen. Als allerdings der sozialdemokratische Verkehrsminister Lauritz Lauritzen im November 1973 anlässlich der Ölkrise den Versuch unternahm, Tempo 100 auch auf Autobahnen einzuführen, traf er auf den geballten Widerstand von ADAC und Bild-Zeitung. Ich habe noch ein Exemplar dieser Zeitung aufgehoben, die den Minister auf der Titelseite mit der Verballhornung seines Namens als „Minister LauLau“ auch persönlich angriff. Der „Auto-Friede“ trat erst wieder ein, als das Tempolimit auf Autobahnen im März 1974 wieder aufgehoben wurde, nachdem der Bundesrat einer Verlängerung nicht zugestimmt hatte.

PS-Freaks aus aller Welt werden geradezu magisch angezogen

Im Vergleich zu damals ist heute der Einspruch der Bild-Zeitung gegen Tempo-Begrenzungen, nur den ADAC zitierend, fast moderat. Bis es dazu kommt, bleibt Deutschland auf bestimmten Teilstrecken ein Raser-Paradies. PS-Freaks aus aller Welt werden geradezu magisch angezogen. Vor allem Schweizer Autonarren wollen sich auf einem süddeutschen Teilstück der BAB Lust und Frust von der Seele rasen.

Selbst in China hat sich herumgesprochen, dass man durch unser Land noch mit Vollgas kommt, ganz legal. So lieferten sich 36 Chinesen nach langer Anreise vor einiger Zeit zwischen Isny und Wangen (Kreis Ravensburg) auf einer Bundesstraße (!) mit gemieteten Wagen ein Rennen. Als die Raser schließlich von der Polizei gestoppt werden konnten, waren sie nur widerwillig bereit, eine Sicherheitsleistung von 200 Euro zu hinterlegen.
Die Betonung liegt für mich auf „ganz legal“. Die Frage bleibt: Wie lange noch wollen wir mit Nordkorea eines der letzten Länder ohne generelles Tempolimit sein?