Fachkräfte von morgen? Sie werden aus Deutschland abgeschoben

Deutschland wirbt um Fachkräfte aus dem Ausland. Aus der Ukraine geflohenen Studierenden aus Drittstaaten droht die Abschiebung. Das ist Irrsinn. Ein Kommentar.

Geschätzt 10.000 junge Menschen mit Qualifikationen, Talenten und Ehrgeiz erreichten Ende Februar und Anfang März die Bundesrepublik.
Geschätzt 10.000 junge Menschen mit Qualifikationen, Talenten und Ehrgeiz erreichten Ende Februar und Anfang März die Bundesrepublik.dpa/Julian Stratenschulte

Deutschland will sich hübsch machen für den Wettbewerb um hoch qualifizierte Arbeitnehmer aus aller Welt. Jenen, die es morgen sein könnten und die schon hier sind, weist die Bundesrepublik die Tür. 

Tausenden aus der Ukraine nach Deutschland geflüchteten Medizinstudenten, angehenden Ingenieuren oder Informatikern droht die Abschiebung. Eine Gnadenfrist für den legalen Aufenthalt in Deutschland ist bereits Ende August ausgelaufen. Die Ampel rühmt sich nun für ein Eckpunktepapier zur Fachkräfteeinwanderung. 

Das Vorbild ist Kanada

Es soll Deutschland endlich so attraktiv für Hochqualifizierte machen wie Kanada. Es sieht unter anderem wie in dem nordamerikanischen Land in der Bundesrepublik künftig ein Punktesystem für Fachkräfte vor, die noch keinen Arbeitsplatz in Deutschland vorweisen können.

Kanada hat bereits unter dem Eindruck eines Schwunds von Arbeitskräften vor Jahrzehnten begonnen, sich für Qualifizierte unabhängig von ihrer Herkunft zu öffnen. Es lockt nicht nur mit einem unkomplizierten Einwanderungssystem. Die Gesellschaft zeigt sich auch offen für Neubürger, die mit Qualifikationen im Gepäck mit anpacken wollen. Deutschlands Weg zu kanadischen Verhältnissen scheint noch weit.

Tausende Studierende flohen vor dem Krieg

Geschätzt 10.000 junge Menschen mit Qualifikationen, Talenten und Ehrgeiz erreichten Ende Februar und Anfang März die Bundesrepublik. Deutschland hatte die Chance, sie weiter auszubilden und für seinen vom demografischen Schwund gebeutelten Arbeitsmarkt zu gewinnen. 

Andrea Nahles, die Chefin der Arbeitsagentur, schätzt den Bedarf der Wirtschaft auf 400.000 zusätzliche Kräfte aus dem Ausland pro Jahr. Angesichts dieser Lücke sollte Deutschland doch eigentlich für jede potenziell verfügbare Arbeitskraft dankbar sein.

Geflüchtete berichten von Diskriminierung

Das Bild von Deutschland, das die Drittstaatler nun von Deutschland in ihre Länder vermitteln, dürfte weitere Fachkräfte eher abschrecken. Studierende aus Drittstaaten berichteten etwa in Berlin immer wieder von drohender Obdachlosigkeit. Davon, dass die Behörden nicht bei der Suche nach einem Dach über dem Kopf geholfen haben. 

Sobald die studentischen Drittstaatler in Polen den EU-Boden betreten hatten, fühlten sich viele als Kriegsflüchtlinge zweiter Klasse behandelt. Manche beschrieben traumatische Erlebnisse der Diskriminierung durch Grenzschützer während ihrer Flucht aus der Ukraine. Abschiebungen wären der traurige Abschluss einer beschämenden Ungleichbehandlung.

Russische Raketen zielen auch auf Ausländer

Russlands Bomben und Raketen machen keinen Bogen um Ausländer in der Ukraine. Deutschland und die EU sortieren Schutzsuchende aus der Ukraine aber nach dem Pass. Das hat sich im globalen Süden herumgesprochen. Die Wut über die Behandlung ihrer Staatsbürger ist eine Erklärung für die Ambivalenz vieler afrikanischer oder asiatischer Staaten im Ukraine-Krieg und ihre Hinweise auf westliche Doppelmoral. 

Die Bundesrepublik kann die Blamage noch verhindern. Der Bund muss dem Berliner Beispiel folgen und den legalen Aufenthalt für die Drittstaatler verlängern. Land und Bund sollten die zusätzliche Zeit nutzen, um, wie Wissenschaftssenatorin Ulrike Grote es ausgedrückt hat, Perspektiven für die Studierenden zu entwickeln. Erst dann wird der Neustart in der Einwanderungspolitik auch glaubhaft.