Wer nervt eigentlich mehr: Die Klima-Kleber oder ihre Kritiker?

Die Letzte Generation kann einem auf den Geist gehen. Konservative Politiker raunen jetzt über Extremisten. Das nervt auch. Ein Kommentar.

Letzte Generation am Montag in Berlin
Letzte Generation am Montag in BerlinImago/aal.photo

Eine rothaarige ältere Frau sitzt am Montag am Potsdamer Platz auf der Straße. Sie spricht direkt in die Kamera. Autos hupen und fahren um sie herum. Man hört ärgerliche Rufe. So ist es auf dem Nachrichtenkanal Twitter zu sehen: Aktivisten der Klimaschutzbewegung Aufstand Letzte Generation sind an diesem Morgen mal wieder am Werk. Sie blockieren die Straße – zum Ärger von Autofahrern auf dem Weg zur Arbeit.

Ein paar Hundert Kilometer weiter westlich spricht am selben Vormittag Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) in ein Mikrofon des Deutschlandfunks und rückt die Aktivisten in die Nähe von Linksextremisten. Offensichtlich stecke eine straffe Organisation bundesweit dahinter, sagt Reul. Und dann nebulös: Es sei etwas im Gang, das für die Gesellschaft gefährlich werden könne.

Reul will, dass Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden die Mitglieder der Gruppe systematisch überprüfen. Seine Stichworte sind Linksextremisten, Grenzen überschritten, kriminell, kapitalistisches System überwinden, ohne dass er all das bereits als gegeben feststellt. Reul formuliert die Radikalisierung als Möglichkeit.

Dabei hatte Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang schon gesagt, dass er keine Extremisten am Werk sehe. Aber das reicht Reul nicht.

Langsam fragt man sich, was da gerade auf der politisch rechten Seite aufzieht. Der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hatte die Klimaaktivisten schon mit der Terrororganisation RAF verglichen.

Etwas bleibt immer hängen

So weit will Reul nicht gehen. Er bleibt vage bei der Aussicht, dass sich ja Extremisten unter den Demonstranten befinden könnten. So macht man das, wenn man seriös bleiben, aber trotzdem einen Treffer landen will. Es geht um Extremisten, und das wäre dann ja gefährlich für die Gesellschaft – so etwas bleibt hängen.

Die Letzte Generation nervt. An jedem Tag, an dem sich junge und mittlerweile auch ein paar ältere Menschen im Berufsverkehr auf der Straße festkleben, verärgern und frustrieren sie Hunderte Autofahrer. Das Nerven und die Aufmerksamkeit fürs Klimathema und ihre Verursacher sind allerdings genau das Ziel ihrer Aktionen.

Neben dem Ankleben auf Straßen gibt es dann aber auch noch die Kunst. Man kann natürlich sagen, dass Kartoffelbrei auf Kunstwerken nichts mit dem Klima zu tun hat. Die Frage nach dem Sinn der Kunst-Aktionen ist berechtigt. Wo bitte ist der Zusammenhang zur betroffenen Kunst, die teilweise schon ein paar Hundert Jahre alt ist?

Es gelingt den Aktivisten jedoch geradezu beispielhaft, das Thema Klimaerwärmung und die bohrende Frage, ob unsere Gesellschaft dazu nicht immer noch viel zu viel beiträgt, in der Öffentlichkeit zu halten. Niemand muss diese Aktionen für zielführend halten. Ob sich so Menschen motivieren lassen, ihr Verhalten zu ändern, darf man infrage stellen. Aber sonst?

Extremismus war bisher nicht zu sehen. Nicht in Berlin, München oder irgendeiner anderen deutschen Großstadt. Gesehen und gehört haben wir stattdessen stetige Beteuerungen von Gewaltlosigkeit. Offenbar hindert das Reul und Dobrindt nur nicht daran, die Aktivisten in die Extremismus-Ecke zu schieben. Das ist sicher bequem. Dann müssen sie sich ihren Fragen nach der Mitverantwortung und fehlenden Geschwindigkeit des Gegensteuerns nicht mehr stellen. Das ist allerdings nicht in unser aller Sinne.