Proteste in Lützerath: Diese Jugend erinnert an 1968 und 1989

Klimaaktivisten wollen den Abriss des Dorfs Lützerath am Tagebau Garzweiler verhindern. Unser Autor, der Künstler Torsten Schlüter, bewundert ihren Mut. Ein Gastkommentar.

Lützerath: ein Klimaaktivist bei der Vorbereitung auf die drohende Räumung durch die Polizei
Lützerath: ein Klimaaktivist bei der Vorbereitung auf die drohende Räumung durch die Polizeidpa/Henning Kaiser

Tausende junge Menschen versammelten sich am Sonntag im Ort Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler. Denn RWE will das Dorf abreißen, um die darunter liegende Kohle abzubauen. Doch Klimaaktivisten haben den Weiler besetzt – die Polizei wird ihn wohl bald räumen. Der Berliner Künstler Torsten Schlüter ist bewegt vom Mut der jungen Demonstranten. Für die Berliner Zeitung hat er diesen Kommentar verfasst.

1968, 1989, Lützerath 2023.

Lützerath steht für Übergang und Wandel.

Die Zukunftsängste der Jugend von heute werden auf erschreckende Weise permanent ignoriert. Anstelle des Respekts für ihr ziviles Engagement bekommen sie einen „Tritt in den Hintern“.

Während der Corona-Krise hat die Jugend sich gegenüber den Alten (mit ihrem erhöhten Sterberisiko) beispiellos solidarisch gezeigt, haben diese jungen Leute praktisch auf zwei Jahre ihres Lebens verzichtet.

Seit ihrer Geburt begleitet diese junge Generation die Bedrohung des Klimawandels.

Nun fordert diese Generation ihr Lebensrecht ein und zwar das Recht darauf, selbst auch einmal Eltern und Großeltern sein zu dürfen, die ihren Kindern und Enkelkindern eine lebenswerte Zukunft bieten können.

Wer diese vernunftvolle Weitsicht kriminalisiert, macht sich schuldig.

Das betrifft fast alle Parteien und ihre Repräsentanten.

Respekt wird allerorts gefordert, vor allem gebetsmühlenartig von Bundeskanzler Scholz, aber auch von anderen.

Aber wo bleibt dieser geforderte Respekt der Alten gegenüber den Jungen?

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Volkmar Otto
Torsten Schlüter
wurde 1959 in Hennigsdorf bei Berlin geboren. An der Bauhaus-Universität Weimar machte er 1986 sein Architektur-Diplom. Seit 1988 arbeitet er als freischaffender Maler und Grafiker, seit vielen Jahren in Berlin und auf Hiddensee. In der Ausstellung „Eisern Union – bis ins Atelier“ zeigte er seine Begeisterung für den 1. FC Union Berlin.

RWE lacht sich scheckig, dass der Staat sich bei diesem Präzedenzfall gegen die menschliche Vernunft und für Profitgier einsetzt und die bis 2030 in Lützerath genehmigte, massiv hochgefahrene Kohleverbrennung schützt.

Dafür gibt es dann von RWE über Stiftungen vielleicht auch mal eine Kulturspende, mit der dann für 100.000 Euro von drei Bilderrahmen in Museen der Kartoffelbrei nach Großmutterart in Eitempera abgewischt werden kann.

Mit der Heuchelei und der Tendenz zur Kriminalisierung von ambitionierten jungen Klimaschützern muss in Deutschland jetzt Schluss sein.

Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass sich womöglich Hunderttausende, darunter auch die Fridays-for-Future-Bewegung, den Protesten in Lützerath anschließen werden.

1989 waren wir auch nicht allzu viele am Anfang.

Die Zeit ist reif.

Diese Zeichen der Zeit erkennen immer mehr Menschen, auch Eltern und Großeltern, die stolz sind auf den Mut ihrer Kinder und Enkelkinder, die gerade in Lützerath für eine gute Sache einstehen.

Ich bewundere diese Jugend.