Drei Generationen: Mutter, Sohn und Enkel.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinDie Corona-Krise ist eine große Belastung für die ganze Gesellschaft. Man kann nur ahnen, wohin die Polarisierungen führen: zwischen jenen, die nach maximalen Lockerungen rufen, und jenen, die zur Vorsicht mahnen. Zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern. Zwischen Wissenschafts-Anhängern und Verschwörungstheoretikern.

Eine Polarisierung betrifft auch das Verhältnis der Generationen untereinander. Zum Ende der ersten Corona-Welle hört man Dinge wie: Die Gesellschaft habe mit den Maßnahmen der letzten Wochen vor allem Solidarität mit den Alten gezeigt. Besonders die jungen Leute hätten dabei einen hohen Preis gezahlt und sollten endlich ganz gezielt gefördert werden. So ungefähr war es auch jüngst auf dieser Seite zu lesen.

Ja, es stimmt. Es sind vor allem die Jungen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise leiden, deren Existenzen bedroht sind – eben weil sie sich auch schon vorher in prekärer Lage befanden, sich von Praktika zu Praktika hangelten. Weil sie nur befristete Jobs bekommen oder als sich als Selbstständige, freie Künstler oder Startup-Unternehmer durchschlagen müssen.

Aber ist es wirklich richtig, daraus zu schließen, die Jungen hätten sich für die Alten geopfert? Nein, solch eine Sicht stimmt schon aus medizinischen Gründen nicht. Die Maßnahmen der vergangenen Wochen sollten eine generelle Überlastung des Gesundheitssystems verhindern – und zwar im Sinne aller. Denn es ist zwar richtig, dass das Risiko eines schweren Corona-Verlaufs mit dem Alter zunimmt und dass die meisten Erkrankten in Berlin – in ihrer Mehrzahl zwischen 20 und 59 Jahre alt – glimpflich davonkommen. Dennoch ist Covid-19 für alle neu. Mediziner sind noch immer dabei, herauszufinden, was da alles im Körper stattfindet. Untersuchungen zeigen, dass Entzündungen und Gerinnungsstörungen bei Covid-19 langfristige Folgeschäden anrichten können: an Lunge, Herz und sogar am Gehirn. Auch bei Jungen.

Zu den Risikogruppen gehören ebenfalls nicht nur Ältere. Der Einschätzung eines AOK-Instituts zufolge haben 21,9 Millionen Deutsche eine relevante Vorerkrankung. Das ist jeder Vierte. Alle Menschen – ob Alt oder Jung – gleichermaßen im Blick zu behalten und einen Weg mit Augenmaß durch die Pandemie zu finden, das zeichnet uns als zivilisierte Gesellschaft aus.  

In dieser Krise sollte es um ein Miteinander der Generationen gehen. Und das betrifft auch die mögliche wirtschaftliche Gesundung nach Corona. Zweifellos existieren Probleme durch eine immer älter werdende Gesellschaft. Und in einem Kommentar wurde hier jüngst beklagt, die Alten stünden den Jungen bei ihrem wirtschaftlichen Aufstieg im Wege, weil sie dank guter Gesundheit ewig an ihren Jobs festhielten.

Doch dieses Bild ist aus mehreren Gründen schief. Erstens tun die meisten Alten dies nicht aus reinem Spaß, sondern weil die Politiker das Rentenalter immer höher angesetzt haben. Zweitens schafft es ohnehin nur jeder Zweite in seinem Beruf bis zum Rentenalter, wie eine Studie ergab. Drittens zeigt eine um sich greifende Altersarmut, dass nicht nur Jüngere von der Krise betroffen sind. Viertens verbessern sich wohl in kaum einem Betrieb die Bedingungen für Jüngere, weil Ältere ausscheiden. Nein, die Folge ist meist eine generelle Senkung der Jobsicherheit und der Bezahlung. Manche Berufe – etwa in Sozialarbeit, Pflege und Erziehung – sind von vornherein sträflich unterbezahlt, ohne dass besonders viele Alte dort arbeiten, die den Jungen im Wege stünden.

Ist es nicht sogar eher so, dass die Alten für viele Familien erst die Rettung sind? Eben weil sie noch manche Rücklage besitzen oder einst besser verdient haben? Eltern unterstützen ihre Kinder oft bis dreißig in der Ausbildung, Großeltern sparen für ihre Enkel. Man hilft sich untereinander und gleicht vieles aus, was die Gesellschaft an Verwerfungen produziert. Unsere Alten werden dringend gebraucht.

Den Gedanken der Solidarität sollte man gerade in der Corona-Krise aufrechterhalten. Und man sollte soziale Fragen – der Gerechtigkeit, Chancengleichheit und des Lastenausgleichs – nicht zu einem Konflikt zwischen den Generationen machen.