Seit zwanzig Jahren bemühen sich die Staaten des Westbalkans um Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Genauso lange schon aber kommt der Prozess kaum in Gang. Geschafft haben es bisher Kroatien und Slowenien. Mit Serbien, Kosovo, Albanien, Nordmazedonien und Montenegro sind die Verhandlungen in unterschiedlichen Stadien. Aber entschieden ist auch hier längst noch nichts.

Nun kommt ein anderer, überraschender Konkurrent dazwischen: Die Ukraine drängt geradezu in die EU. Und findet zumindest bei der EU-Kommissionspräsidentin offene Ohren. Dieser Tage war Ursula von der Leyen wieder in Kiew, um das Thema zu besprechen. In Kürze wird eine Stellungnahme der EU-Kommission erwartet. Sie kann eigentlich nur positiv ausfallen.

Von den Balkanstaaten, die Bundeskanzler Olaf Scholz zur gleichen Zeit bereiste, hört man dazu kein kritisches Wort, jedenfalls offiziell. Inoffiziell scheint es aber doch Irritationen zu geben, ob man nun wieder ans Ende der Warteschlange durchgereicht wird.

Der Kanzler bemühte sich in Kosovo, Serbien und Nordmazedonien zu versichern, dass zumindest er es ernst meint mit der konkreten Aufnahmeperspektive. Die Westbalkanländer seien nicht immer fair behandelt worden, machte Scholz deutlich, und dass er das ändern möchte. Das ist immerhin schon mal etwas für die betroffenen Staaten auf ihrem Weg in die EU.

Aber ist auch für die Europäische Union selbst wichtig. Denn es sind viele Interessen, die in der Region aufeinanderprallen. Da ist Serbien mit seinem Kuschelkurs gegenüber Russland – und umgekehrt Moskaus Ambitionen. Auch China und nicht zuletzt die Türkei versuchen ihren Einfluss zu erhöhen.

Der Kandidatenstatus mag der Ukraine vor allem wegen der aktuellen Kriegslage nicht vorzuenthalten sein. Das aber sollte nicht zur Zurücksetzung anderer führen, die sich schon lange bemühen: Enttäuschte Freunde werden manchmal recht unangenehme Gegner.