Nicht nur für Jens Spahn ist es schwierig, das richtig zu tun, was sie tun müssen: professionelle Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung, Beruhigung.
Foto: dpa/Michael Kappeler

BerlinDie Zeit rast. Es ist gerade einmal eine Woche her, da in Berlin der erste Fall eines Corona-Infizierten gemeldet wurde. Seitdem werden manche Risikopersonen getestet, manche nicht. Manche Quarantäne wird streng kontrolliert, manche nicht. Manche Schulen werden geschlossen, manche nicht. Manche Krankenhäuser eröffnen Untersuchungsstellen, manche nicht. Manche Großveranstaltungen werden abgesagt, manche nicht. Warum all das so ist, ist schwer nachzuvollziehen, und das führt zu Unsicherheit.

Wir befinden uns in der Corona-Krise. Schließlich steigen die Zahlen stündlich, jetzt hat es den ersten Todesfall eines Deutschen gegeben. Aber, und das ist genauso wichtig festzustellen, eine Katastrophe ist es sicher noch nicht. Zum Glück sind wir von italienischen Verhältnissen noch entfernt.

Dennoch lohnt es sich, den Blick zu weiten auf die politisch Verantwortlichen und ihr Krisenmanagement. Schließlich waren (und sind) Krisen oder Katastrophen immer auch Chance und Gefahr für diejenigen, die die Dinge erfolgreich in die Hand nahmen – oder eben auch nicht.

Gewinner, Gewinnler oder Verlierer?

Matthias Platzeck war ein etwas schrulliger Umweltminister von Brandenburg, als im Sommer 1997 die Oderflut weite Landstriche verwüstete und weitere gefährdete. Zwar stopfte er nicht selbst die Deiche, doch Platzeck war omnipräsent und koordinierte die Einsatzkräfte. Die Flut spülte den Deichgrafen, zu dem ihn die Medien machten, nacheinander ins Rathaus von Potsdam und in die Brandenburger Staatskanzlei.

Doch es gibt in Krisen nicht nur Gewinner, sondern auch Gewinnler. Der Prototyp ist Gerhard Schröder. Als der Kanzler 2002 vor einer komplizierten Bundestagswahl stand und die Elbe Hochwasser führte, tauchte er plötzlich im Katastrophengebiet auf. Herausforderer Edmund Stoiber fand dieses „Leadership in Gummistiefeln“ schäbig, schließlich bewirke Schröder überhaupt nichts. Mag sein, aber Schröder gewann die Wahl.

Und es gibt Verlierer. Mario Czaja, einst Hoffnungsträger der Hauptstadt-CDU, war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 Sozialsenator in Berlin. Bilder vom heillos überfüllten Lageso waren für ihn der Anfang vom Ende der Karriere. Czaja konnte noch so oft sagen, dass niemand zum Lageso kommen müsse, um Leistungen zu erhalten – die Menschen kamen dennoch. Am Ende schlugen selbst sogenannte Parteifreunde auf ihn ein.

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Eins, zwei oder drei?

Ob jetzt also Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci Gewinner, Gewinnler oder Verlierer sein werden, muss sich erst zeigen. Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass sie Wirtschaftsmathematikerin ist und er Bankkaufmann. Beide wären so oder so darauf angewiesen, dass die Fachleute das Richtige tun.

Und spätestens da wird’s kompliziert. Frage drei Virologen, und einer wird sagen: Es ist richtig, Risikopersonen zu isolieren. Das verlangsame die Verbreitung des Virus, aufzuhalten sei es ohnehin nicht. Tests seien möglich, aber nicht so wichtig.

Der zweite Virologe wird sagen: Wir müssen viel mehr testen, um zu wissen und dann reagieren zu können.

Virologe Nummer drei wird sagen: Selbst bei dem, was wir wissen, tun wir nicht genug. Wir sollten Schulen schließen und Kitas und, und, und.

Spahn streitet, Kalayci widerspricht sich

Vielleicht ist das ja auch ganz normal angesichts eines Virus, von dem nicht oft genug gesagt werden kann, dass er neuartig ist.

Für Spahn, Kalayci und all die anderen Gesundheitspolitiker ist es entsprechend schwierig, das richtig zu tun, was sie tun müssen: professionelle Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung, Beruhigung. Und dabei zeigen sich Unterschiede.

Während Spahn mit seinen EU-Amtskollegen für mehr Schutzmaterialien für medizinisches Personal in Deutschland streitet, steckt Kalayci mitten im Berliner Meinungssumpf. Mal sagt sie, dass alle Isolierten auch getestet werden – was nicht stimmt. Dann twittert sie, dass alle fünf geplanten Untersuchungsstellen an Krankenhäusern bereits eingerichtet seien und sie diese am Wochenende auch schon besucht habe – was ein paar hübsche Bilder bezeugen. Nur, wann die einzelnen Zentren wo eröffnen, das sagt sie nicht. Aufklärung und Beruhigung gehen anders.