Als Barack Obama mit dem überwältigenden Pathos seines „Yes, we can!“ die politische Bühne betrat, flogen ihm die Herzen zu. In Deutschland noch mehr als in seiner Heimat. Nur Angela Merkel blieb skeptisch. Politik besteht für sie nicht aus großen Gesten, sondern aus kleinteiligen Taten. An einer entscheidenden Wegmarke aber ist sie von dieser Linie abgewichen.

Um den Menschen die Skepsis über ihre neue Flüchtlingspolitik zu nehmen, verfiel sie auf die deutsche Variante von Obamas Versprechen: „Wir schaffen das!“ Es wurde die größte Katastrophe ihres politischen Lebens. Statt sie mitzureißen, schreckt die einst beliebteste Politikerin des Landes die Menschen ab.

Die Wahl in Merkels politischer Heimat Mecklenburg-Vorpommern erinnert fatal an die Niederlage der SPD 2005 in der sozialdemokratischen Hochburg Nordrhein-Westfalen. Damals bekam ihr Vorgänger Gerhard Schröder vorgeführt, dass seine Reformen der Sozialsysteme namens Hartz IV keine Zustimmung in der Bevölkerung fanden. Nun erlebt Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik ein Menetekel von alttestamentarischem Ausmaß.

Wie dem babylonischen König Belsazar die berühmte Schrift an der Wand, signalisieren der Kanzlerin die Kreuze für die AfD auf den Wahlzetteln, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Sie hat die Bürger herausgefordert. Und die Götter der modernen Demokratie bestrafen sie, wie es scheint, gnadenlos dafür.

Schon Schröder und Schmidt verloren die Wähler

Vor Schröder war schon Helmut Schmidt an die Grenzen seiner Überzeugungskraft gestoßen. Zu Beginn der 80er-Jahre verband er sein politisches Schicksal mit der Stationierung amerikanischer Atomraketen in Europa. Gegen den Nachrüstung genannten Vorgang erhob sich die bis dahin mächtigste Bürgerbewegung in der Nachkriegsgeschichte. Der Nachfolger Willy Brandts verlor erst den Rückhalt in der SPD und mit dem Koalitionspartner FDP am Ende auch die Macht.

Schmidt und Schröder werden heute selbst von einstigen Gegnern für ihre Hartnäckigkeit gelobt. Sie hätten die Sache und die staatspolitische Notwendigkeit über die Partei und das Interesse an der Erhaltung der eigenen Macht gestellt, heißt es. Richtig ist aber auch, dass diese Weisheit nicht nur die beiden ihre Ämter, sondern der SPD wichtige Teile ihrer Anhängerschaft gekostet hat, die heute bei den Grünen und in der Linken zu finden sind. Über die unfreiwilligen Schöpfungen sozialdemokratischer Kanzler wurde in ihren Anfangstagen übrigens dasselbe gesagt, was heute über die „Merkel-Partei“ AfD zu hören ist: Sie hätten keine programmatische Substanz und lebten nur davon, dagegen zu sein. Heute sind beide erprobte Regierungsparteien.

Merkels politischer Gewichtsverlust ist unübersehbar

Und Merkel? Wie wird sie in Zukunft bewertet werden? Ein Verlust an politischem Gewicht ist unübersehbar – obwohl oder weil auch sie in der Sache nicht weicht. Sie räumt Mitverantwortung ein. Formal. Weil sie eben Vorsitzende der gerupften Partei ist. Änderungen an ihrer Flüchtlingspolitik deutet sie nicht einmal an.

Bis zum Debakel von Schwerin wurde gerätselt, wann Merkel ihre nächste Kanzlerkandidatur anmeldet. Danach scheint eher die Frage zu sein, ob sie es schafft, die eigenen Leute zu überzeugen, dass sie immer noch die rechte Kandidatin ist – allen voran die CSU die schon lange nichts unversucht lässt, den Führungsansprung der CDU-Vorsitzenden infrage zu stellen.

K-Frage verliert ihre Bedrohlichkeit

In dem Maße aber, wie ihr Kurs an der politischen Börse fällt, verliert die Frage Bedrohlichkeit, wer es im Herbst 2017 an ihrer statt richten soll. Warum sollte es mit Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière schlimmer werden als mit Merkel? Was wäre, wenn ihr Widersacher Horst Seehofer anträte, um zu beweisen, dass ein Bayer eben doch einen nationalen Sieg landen kann?

Die Sehnsucht nach einer Welt ohne die Zumutungen der Globalisierung und einer unabsehbaren Völkerwanderung hat eine neue Partei nach oben gespült. Wir leben in einer Übergangszeit, in der heute nur noch ein Achselzucken erregt, was gestern noch ungeheuerlich schien.

Helmut Schmidt hat sich nach seiner Niederlage verbittert aus der Politik zurückgezogen. Dagegen hat Gerhard Schröder mit unbändigem Willen zur Macht einen Wahlkampf hingelegt, der bis heute als beispielhaft gilt – obwohl er sein Ziel knapp verfehlte. Eine solche Kampagne unter umgekehrten Vorzeichen hätte allerdings zur Voraussetzung, dass Merkel es schafft, die Unionsparteien so geschlossen um sich zu scharen, wie die verbliebenen Sozialdemokraten – trotz alledem – hinter Gerhard Schröder standen. Danach sieht es heute nicht aus.