Die erste Voraussetzung für einen erfolgreichen „Krieg gegen den Terror“  wäre die Einsicht, dass er nicht gewonnen werden kann. Solange die Regierungen, die Sicherheitsapparate und die Medien die Doktrin vertreten, den besten Schutz vor verheerenden terroristischen Verbrechen – wie jetzt in Brüssel – böten der weitere Ausbau der Überwachungssysteme und die legislative Aufrüstung mit immer schärferen und ausgreifenderen repressiven und präventiven Gesetzen, solange also das Versprechen immer wieder erneuert wird,   der Terrorismus sei zwar eine furchtbare Krankheit, die aber mit immer wirksameren Medikamenten irgendwann besiegt werden könne, solange wird der „Krieg gegen den Terror“ ebenso blutig wie vergeblich weitergehen.

Spätestens seit der Festnahme des mutmaßlichen Pariser Attentäters Salah Abdeslam – einem Franzosen marokkanischer Herkunft mit Brüsseler Wohnsitz – in der belgischen Hauptstadt erwarteten die belgischen Behörden weitere Anschläge, befand sich die Polizei in Alarmbereitschaft, wurde die Kontrolle öffentlicher Plätze extrem verschärft. Dann gingen am Dienstagmorgen, unter den Augen der Sicherheitskräfte,  in der Abfertigungshalle des Brüsseler Flughafens und in einer Metro-Station mehrere Bomben hoch, die mehr als 30  Menschen töteten.

Terroristen hassen seit mehr als 120 Jahren

Die Erfahrung, dass selbst die schärfste Kontrolle und die vermeintlich lückenloseste Überwachung kaum vor Terror zu schützen vermögen, hat die Pariser Polizei schon vor mehr als 120 Jahren – am 23. April 1894 – gemacht, als die Terroristen noch Anarchisten hießen und ihr Ziel nicht in der Errichtung eines Kalifats des Islamischen Staats bestand, sondern in der Zerstörung der bourgeoisen Gesellschaft.

An jenem Tag vermerkte ein Polizeireport, dass im von Terroranschlägen erschütterten Paris „jeden Tag, und manchmal zwei- oder dreimal am Tag, ein Polizist zu den Behausungen dieser Leute (der observierten Anarchisten) geht“ und „keinen Zweifel daran lässt, und es auch offen zeigt, dass die Polizei ein Auge auf sie hat und sie nicht einen einzigen Tag unbeobachtet lässt“.

Wenig später verwüstete der polizeibekannte Anarchist Emile Henry unter den Augen seiner Bewacher mit einer Bombe ein Polizeikommissariat und ein viel besuchtes Café. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht sagte Henry zu den Motiven seiner Verbrechen: „Ich ging mit abgrundtiefem Hass in diesen Kampf.“ Nicht der Ort, an dem die Bombe explodiert, ist der Tatort des Terrorismus, sondern der Kopf des Terroristen.

Welche Motive hat der Hass? Mit welchen Mitteln, an welchem Ort, zu welcher Zeit wird der Terrorist seine Ziele zu erreichen versuchen? Vor allem:  Welche Möglichkeiten gibt es, dem Hass  die Gründe, dem Terroristen  die Bereitschaft zu nehmen, Terrorist zu sein? Die Antworten auf diese Fragen hat einst der bis heute wohl klügste Polizist, den die Bundesrepublik je hatte, zur Grundlage des Kampfes gegen Terroristen erklärt. Horst Herold, als  damaliger Chef des Bundeskriminalamts in den 70er-Jahren oberster Verfolger der Terroristen der Rote-Arme-Fraktion, definierte als wichtigsten Fahndungsansatz: „Man musste sich gedanklich in die Gegner hineinarbeiten.“

Der Hass existiert auch ohne den IS

Das bedeutet, sich klarzumachen, dass die Terroristen des Islamistischen Staates keineswegs äußere Feinde sind, sondern Teile der Gesellschaften, die sie bekämpfen. Sie sind in Belgien,  Frankreich, Großbritannien oder Deutschland  geboren, zumeist zumindest aufgewachsen, ihren Hass haben sie nicht aus Syrien, Libanon oder Irak importiert, von dort beziehen sie  allenfalls das ideologische Gepäck und die logistische Unterstützung, die sie zur Begründung und Begehung ihrer Verbrechen benötigen.  

Ohne den Islamischen Staat gäbe es keinen Terror  im Namen des Islamischen Staates, aber den Hass, den der Terrorist benötigt, gäbe es auch ohne ihn.  Wer also nach den Gründen für den Terror in Europas Hauptstädten sucht, sollte  in den schäbigen Wohnsiedlungen, in den Molenbeeks der europäischen Hauptstädte  zu suchen beginnen.

Unmittelbar nach den Anschlägen in Brüssel sagte der französische Präsident: „Der Krieg gegen den Terrorismus muss in ganz Europa geführt werden und mit den notwendigen Mitteln, insbesondere im Bereich der Nachrichtendienste.“  Seit der Anarchist Emile Henry 1894 unter den Augen  der Polizei in Paris die Bombe warf, haben sich die Überwachungstechniken der Nachrichtendienste immer mehr verfeinert, aber weder wurde der Terror besiegt noch hat sich der Unverstand der  Regierungen verringert.