Die Klimagipfel-Verhandler von Doha haben die letzte Nacht durchgemacht und dann einen Tag drangehängt, um doch noch einen Kompromiss zu zusammenzuschustern. Mehrfach stand der Gipfel vor dem Scheitern. Das Ergebnis, das dann doch noch herauskam, ist unterirdisch schwach. Sicher ist nur eines: Dem Weltklima, das derzeit durch sogar beschleunigt ansteigende Treibhausgas-Frachten destabilisiert wird, hilft das alles nicht.

Es wird immer klarer: Das aktuelle Jahrzehnt droht für den Klimaschutz verloren zu gehen. Die internationale Klimadiplomatie hat sich von dem Desaster des Kopenhagen-Gipfels 2009 nicht erholt. Damals wollte die Weltgemeinschaft einen neuen globalen Klimavertrag verabschieden, um das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll zu ersetzen. Nicht nur die Industriestaaten sollten zur Begrenzung ihres CO2-Ausstoßes verpflichtet werden, sondern auch die Schwellenländer wie China, Südafrika und Brasilien, die inzwischen kräftig zum menschengemachten Treibhauseffekt beitragen. Der Versuch scheiterte damals grandios.

Seither arbeitet der diplomatische Reparaturtrupp nur noch daran, den Kyoto-Verhandlungsstrang nicht abreißen zu lassen. Schön, dass wir geredet haben, heißt es jedes Jahr nach den Gipfeln im Herbst. Erst 2020 soll nun der neue Klimavertrag in Kraft treten, der bis 2015 verhandelt sein soll. Im vorigen Jahr, bei der Konferenz im südafrikanischen Durban, hat man sich darauf geeinigt. Damals feierte man das noch als Durchbruch. Jetzt, nach Doha, weiß man: Es war wie die Selbsttäuschung des Alkoholikers, der sagt: Nächste Woche höre ich mit dem Saufen auf. Und dann immer wieder die nächste Woche meint.

Die Menschheit auf dem Weg zur Vier-Grad-Welt

In Durban hatte eine Allianz aus EU und den besonders vom Klimawandel betroffen Entwicklungsländern den Deal für das neue Protokoll herausgeholt. Zusammen waren es 120 Länder, die Mehrheit der knapp 200 Staaten der Welt. Sie erzeugten so viel Druck, dass sogar die notorischen Klimaschutzbremser wie die USA, Kanada, China und Russland notgedrungen mitmachten. Doch diesmal fiel die Allianz wieder auseinander. Schuld war die EU, die, gebeutelt von Euro-Krise und politischer Willensschwäche, die Vorreiter-Position aufgab. Die Union, die früher immer der Gipfel-Antreiber war, verfiel in Selbstgerechtigkeit. Vor allem die Weigerung, ihr CO2-Reduktionsziel für 2020 von 20 auf 30 Prozent anzuheben, signalisierte dem Rest der Welt: Die Europäer halten den Klimaschutz inzwischen für nebensächlich. Damit war die Luft heraus.

Eine neue Allianz, die die Gipfel wieder flott machen könnte, ist nicht in Sicht. Die Menschheit ist trotz - besser: wegen - Doha, auf dem Weg zur Vier-Grad-Welt. Die Zeichen mehren sich, dass sich die Klimakrise zuzuspitzen beginnt. Hitzewellen nehmen zu, das Arktis-Eis schmilzt beschleunigt, der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet. Die politisch kritische Schwelle wird zwar früher oder später überschritten werden, Klimagipfel werden dann dramatische Maßnahmen beschließen, die sich heute kaum jemand vorstellen kann. Doch bis dahin wird man alljährlich im Herbst auf einer Riesen-Konferenz das Herumrücken der Titanic-Stühle besichtigen können.