In Österreich war in den vergangenen Tagen immer wieder die Rede von der „Unschuldsvermutung“. Gegen Bundeskanzler Sebastian Kurz waren wegen des Verdachts der Untreue, Bestechung und Bestechlichkeit Ermittlungen eingeleitet worden. Mit einer Hausdurchsuchung im Kanzleramt – ein historisch einmaliger Vorgang in Wien – machte die Staatsanwaltschaft klar, dass sie es ernst meint. Kurz bat bei der Bekanntgabe seines unumgänglich gewordenen Rücktritts am Samstag weinerlich, dass die  Unschuldsvermutung auch für ihn gelten möge. Das mag zwar raffiniert sein, weil dieser Spin auf eine Rückkehr an die Sonne abzielt, wenn es nicht zu einer Anklage kommt. Doch es ist zugleich eine üble Nebelkerze, weil Kurz so tut, als sei das Strafrecht die einzige Grenze für politisches Handeln. Doch auch wenn die Sitten noch so verroht sind, so müsste selbst einem von sich selbst sehr eingenommenen Politiker klarwerden, dass der reine Anschein der Korruption, wie ihn die Akten darlegen, politisch nicht akzeptabel ist. Kurz selbst hat darüber hinaus in den vergangenen Monaten eine beispiellose Kampagne gegen die österreichische Justiz gefahren. Ein Abgeordneter seiner Partei sprach gar von „roten Zellen“ in der Justiz – als wären Richter und Staatsanwälte Mitglieder einer terroristischen Verschwörung. Die jungen Männer aus der Kurz-Truppe haben im Machtrausch jedes Maß verloren. Sie haben ihrer eignen Dolchstoßlegenden geglaubt und den Rechtsstaat und seine Unabhängigkeit unterschätzt. Es ist ein beruhigendes Zeichen der Stabilität in Europa, dass noch nicht alle Bastionen geschleift sind.