Berlin - Der Fall erschüttert die USA, der Fall erschüttert die Welt: Ein 18-Jähriger erschießt 19 Kinder und zwei Lehrerinnen in einer texanischen Grundschule. Und wieder scheint es, dass die Bluttat keine wirklichen politischen Konsequenzen in den USA haben wird – immerhin ein Land, das in der Waffenfrage ein weltweit bespielloses Problem hat.

Laut einer Studie aus der Schweiz befanden sich 2018 weltweit 850 Millionen Kleinwaffen in Privatbesitz, davon allein 393 Millionen in den USA. Dort gibt es mehr Waffen in Privathand als Einwohner.

Dass die private Aufrüstung gravierende Folgen hat, zeigt die Liste der Schulmassaker: Von den weltweit 138 Taten wurden 72 in den USA begangen. Das heißt: In einem Land mit 332 Millionen Einwohnern wurden sechs Schulmassaker mehr verübt als im gesamten Rest der Welt, wo 24-mal so viele Menschen leben.

Tod durch Schusswaffe ist inzwischen Todesursache Nr. 1 unter Kindern und Jugendlichen in den USA

Damit nicht genug der Zahlen: 2020 starben in den USA 45.000 Menschen durch Schusswaffen – in Deutschland etwas mehr als 800. In den USA nimmt die Entwicklung erschreckende Züge an. Eine Studie der University of Michigan zeigt für 2020, dass 4300 Kinder und Jugendliche bis zum 19. Lebensjahr durch Schusswaffen starben. Bei Verkehrsunfällen waren es 3900. Das war die bis dahin häufigste Todesursache in diesem Alter. Nun ist es Waffengewalt.

Oft ist von verwirrten Einzeltätern die Rede. Das ist richtig. Und doch gibt es da eine Art unsichtbare Bewegung. Die Zahl der Taten stieg ab den 1990er-Jahren massiv an und das Internet scheint ein Wirkbeschleuniger zu sein. Immer wieder wird beklagt, dass die Opfer nicht im Mittelpunkt stehen, sondern die Täter. Dass deren Namen öffentlich genannt und sie damit zu Ikonen werden in bestimmten gesellschaftlich abgedrifteten Kreisen.

Und was ist die Reaktion der Politik? Der amerikanische Präsident und viele andere sind geschockt. Joe Biden, als Demokrat, würde gern die Waffengesetze ändern. Doch für viele Republikaner gehört es zu den heiligen Grundrechten der Bürger der Vereinigten Staaten, sich zu Hause nach Belieben zu bewaffnen.

Aber auch Deutschland hat – trotz niedriger privater Bewaffnung – ein Problem: Mit 16 Schulmassakern steht das Land weltweit auf Platz zwei. Und es werden auch bei uns viele Fehler gemacht: Immer wieder ist von Schießereien die Rede. Das ist falsch. Eine Schießerei ist ein Schusswechsel zwischen mindestens zwei Personen. Aber bei solchen Taten gehen meist Einzeltäter mit einem Sturmgewehr los, das sonst Soldaten benutzen. Sie erschießen wahllos wehrlose Kinder – heimtückisch, brutal, grausam, aus niederen Beweggründen.

Auch der Begriff Amoklauf trifft es nicht wirklich. Das malaiische Wort Amuk bedeutet „rasend“ – jemand geht in blinder Wut auf andere los. Doch meist sind es geplante, gezielte, vorher durchaus im Bekanntenkreis angedeutete und eiskalt ausgeführte Erschießungen.

Waffengewalt: Es sind fast immer männliche Täter

Oft wird auch nicht thematisiert, dass es fast immer männliche Täter sind. Meist vereinsamte Jungs, die ihren Hass und ihr Gekränktsein an Unschuldigen ausleben. Fachleute schätzen, dass weit mehr als 95 Prozent der Taten auf das Konto junger Männer gehen. Bei den 16 Fällen in Deutschland war nur eine Täterin dabei.

Der Grund: Frauen haben ein niedrigeres Aggressionspotenzial, sind sozial kompetenter, suchen nicht den Angriff, sondern den Ausgleich. Vor allem aber: Sie holen sich früher Hilfe und nehmen Ratschläge an – auch bei psychischen Problemen. Und diese haben solche Täter ganz sicher.

Angesichts der aktuellen Opfer bleibt die Hoffnung, dass das Blutbad nun endlich die eine Tat ist, die selbst den Waffennarren in den USA zu viel ist. Doch angeblich decken sich etliche Bürger in Amerika gerade wegen der Bluttat weiter mit Waffen ein.