Vor 25 Jahren hat in der sächsischen Stadt Hoyerswerda für einige Tage der Mob regiert. Am 17. September 1991 belagerten Rechtsextremisten tagelang ein Asylbewerberheim, Anwohner applaudierten dem Pöbel, die Polizei begnügte sich damit, 230 Vietnamesen und Angolaner aus der Stadt zu bringen. Bis heute gilt Hoyerswerda international als ein Symbol – es gibt auch andere wie Rostock-Lichtenhagen – eines wieder erstarkten Rassismus im vereinten Deutschland zu Beginn der 90er Jahre.

Bautzen droht 25 Jahre später zu einem Symbol eines in Deutschland längst etablierten Rassismus zu werden. Der Mob, der dort vor einigen Tagen Flüchtlinge vor sich hertrieb – zuvor waren Flüchtlinge mit Rechtsextremen aneinandergeraten –, kommt seit Wochen immer wieder auf einem Platz in der Innenstadt zusammen. Die sogenannte Platte ist inzwischen eine touristische Attraktion für sächsische Rechtsextremisten. In den vergangenen fünf Monaten musste die Polizei zu mehr als 70 Einsätzen anrücken. Die Stadt entwickelt sich zum Aufmarschgelände der Rassisten. In Bautzen ging im Februar ein als Flüchtlingsunterkunft geplantes ehemaliges Hotel in Flammen auf, angeblich unter dem Beifall Schaulustiger.

Rassenhass keine rein ostdeutsche Befindlichkeit

Zwischen den Nachbarorten Hoyerswerda und Bautzen liegen mehr als 36,2 Kilometer Bundesstraße und auch mehr als die 25 Jahre, die seit dem Aufmarsch der Rechtsextremisten im September 1991 vergangen sind. Schon damals war es falsch, Xenophobie und Rassenhass als ostdeutsche Sonderbefindlichkeit zu erklären. Denn schon damals machte der Hass auf die Fremden nicht an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze halt, schon damals lag Mölln, wo Ende 1992 zwei türkische Mädchen und deren Großmutter bei einem Brandanschlag ermordet wurden, in Schleswig-Holstein.

Zwar ist nicht zu übersehen, dass Sachsen inzwischen eine Hochburg des Rassismus ist, die sächsische Integrationsministerin räumt es ein und die Statistik bestätigt es: Die Zahl rechtsmotivierter und rassistischer Angriffe auf Asylbewerber und Helfer stieg 2015 um 86 Prozent auf 477 Taten.

Aber das Bestürzende an den Nachrichten aus Bautzen ist, dass sie in einem gesellschaftlichen Klima entstanden sind, in dem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit selbst in bürgerlichen Kreisen Zuspruch erhalten und eine Partei gefunden haben, die zum Programm erklärt, was der Mob auf der „Platte“ in Bautzen grölt. Es heißt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hätten inzwischen „die Mitte der Gesellschaft“ erreicht. Aber richtig müsste es lauten: Die Mitte der Gesellschaft, zumindest immer größer werdende Teile, sind beim Rassismus und bei der Fremdenfeindlichkeit angekommen, sie haben sich in atemberaubenden Tempo darauf zubewegt.

Wähler erwarten nur ein „Nein“ von der AfD

Wer sieht, aus welchen Parteien (fast allen) und aus welchen Schichten (allen) die AfD Zulauf bekommt, der weiß, dass viele Anhänger von ihrer Partei keine Wahrnehmung ihrer Interessen verlangen, kein ausgetüfteltes Programm zur Steuer-, Wirtschafts-, Bildungs- oder Sozialpolitik, sondern ein einziges Wort: Nein! Nein zu Flüchtlingen, nein zu Fremden, nein zu Muslimen, nein zur Liberalität, nein zu Menschenrechten.

Die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag äußerte sich zu den Vorfällen mit den Worten: „Es ist mehr als nachvollziehbar, wenn sich nun die Bürger in den sozialen Medien zur Wehr setzen, weil sie keine Lust auf mexikanische Verhältnisse wie in Bautzen haben.“ Die AfD weiß, was sie ihren Wählern schuldig ist. Von Hoyerswerda nach Bautzen. Ein Blick auf den Weg, den die Gesellschaft in den 25 Jahren zurückgelegt hat, erkennt natürlich auch Ermutigendes, aber er wird nicht übersehen, dass der Fremdenhass sich auf dem Vormarsch befindet.