Gäbe es ein Handbuch mit praktischen Anleitungen für politische Karrieren in Deutschland, müsste der erste Satz lauten: Ziehe NIEMALS einen Vergleich zu den Nazis. Verkneife Dir jede Bemerkung über Parallelen zur Hitler-Zeit, und vermeide unbedingt das Vokabular jener unseligen Zeit.

Sicher ist, dass ein solches Buch eine Marktlücke treffen würde. Obwohl Nazi-Vergleiche schon viele Politiker hierzulande ihre Karriere gekostet haben - man erinnere sich beispielsweise an die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), die über George W. Bush und "Adolf Nazi" stolperte - wachsen immer wieder neue naive, geschichtslose Plaudertaschen heran.

Vor allem den Piraten würde man in diesen Tagen die Lektüre des Handbuchs empfehlen. Seit Tagen machen sie Schlagzeilen mit zum Teil erschreckenden, zum Teil aber auch nur unbedarften Äußerungen. So unbedarft, dass sich die politische Konkurrenz, die den Aufstieg der Piraten in den Umfragen mit ungläubigem Entsetzen verfolgt hat, darüber nur freuen kann.

Der Wirbel bei den Piraten begann mit einem tatsächlich sehr hässlichen Zwischenfall: Bodo Thiesen, ein Parteimitglied von der Mosel, hatte den deutschen Angriff auf Polen 1939 gerechtfertigt und Sympathien für Holocaust-Leugner geäußert. Die Piraten versuchten, Thiesen auszuschließen, scheiterte aber zum tiefen Bedauern der Parteiführung an einem Formfehler.

Schmerzhafte und notwendige Lektion

Die zweite Stufe zündete der seit zwei Monaten amtierende Berliner Piratenchef Hartmut Semken, der in einem Blog schrieb, nicht Thiesen sei ein Nazi, sondern die, die ihn wegen seiner Äußerungen aus der Partei rausschmeißen wollten. Als drittes gab der Berliner Fraktionsgeschäftsführer Martin Delius jetzt auch noch ein Interview, in dem er den rasanten Aufstieg seiner Partei mit dem der NSDAP zwischen 1928 und 1933 verglich.

Drei Äußerungen, dreimal Empörung. Thiesen, ein Geschichtsleugner, wie man gerade in Protestparteien gerne welche findet. Ganz sicher werden die Piraten nur überleben, wenn es ihnen gelingt, solche Leute rasch los zu werden. Semken, ein vom Erfolg und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit überforderter Lokalchef - auch dieses Phänomen werden die Blitzstarter von den Piraten noch häufiger erleben. Und Delius - ein Naivling, wie er im Parteibuch steht.

Bei ihrem Bundesparteitag am Wochenende in Neumünster werden die Piraten klären müssen, wie sie in Zukunft mit allen drei Typen umgehen wollen. Die Äußerungen der meisten Partei-Oberen deuten darauf, dass sie die schmerzhafte und notwendige Lektion gelernt haben: Die deutsche Vergangenheit eignet sich nicht als Steinbruch für politische Äußerungen.