Der ehemalige Handballer Stefan Kretzschmar hat am Wochenende seine Meinung gesagt. Und diese Meinung wurde via Twitter und andere Kanäle hunderttausendfach verbreitet. Kretzschmar sagt in einem Video, dass man für Meinungsäußerungen zwar nicht ins Gefängnis komme, sie einem aber bei Abweichungen vom Mainstream vorgeworfen würden – allen voran bei einem von ihm behaupteten „Refugees welcome“-Mainstream. Die Äußerungen des 45-Jährigen gipfeln in dem Satz: „Wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne.“ Das ist falsch.

Kretschmars Aussagen zeugen von Ignoranz

Kretzschmar wurde 1973 in Leipzig geboren – drei Jahre vor der Ausbürgerung Wolf Biermanns und 16 Jahre vor der Friedlichen Revolution in der DDR. Seine Aussagen zeugen von historischer Ignoranz. Denn er erweckt den Eindruck, als sei es heute vielleicht ein bisschen besser als vor 1989, aber eben nicht wirklich besser. Dabei wäre er zu jener Zeit in Hohenschönhausen gelandet oder in Bautzen. Oder man hätte ihn wie einst Roland Jahn in einen Zug gesetzt und gen Westen geschafft.

Fremdenfeindlichkeit wird hoffähig

Die Aussage ist aber auch falsch, weil die selbst ernannte Anti-Mainstream-Partei AfD heute im Osten bei Umfragen auf 26 Prozent kommt und damit Volkspartei ist. Wer die Flüchtlingspolitik der Regierung kritisiert wie der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, wird von CDU und AfD umworben, wer Bücher schreibt wie Thilo Sarrazin, wird reich, wer so polemisiert wie Boris Palmer, steht jede Woche in einer anderen Zeitung und darf selbstverständlich Oberbürgermeister von Tübingen bleiben. Den Mainstream, den Kretzschmar behauptet, gibt es nicht mehr. Dafür wird Fremdenfeindlichkeit hoffähig.

Wer eine Meinung äußert, der muss allerdings mit dem Widerspruch der Andersdenkenden rechnen – zumal, wenn es um die humanen Grundfesten der Gesellschaft geht. Man nennt das Demokratie.