Wer jetzt noch an Zufall glaubt, unterschätzt unsere Politiker. Wie durch ein Wunder gerät ein Papier des Bundesverkehrsministeriums an die Öffentlichkeit, dessen Botschaft lautet: Der Tiefbahnhof Stuttgart 21, Deutschlands umkämpftestes Verkehrsprojekt, steht vor dem Ende. Die Bahn informiert ihre Geldgeber schlecht, und die Finanzierung ist nicht gesichert, der Zeitplan auch nicht. Ein Musterbeispiel des deutschen Modernisierungsdreiklangs, den wir auch vom Berliner Flughafen kennen: später, teurer, schlechter als geplant.

Schön, dass das nun auch den Beamten des Verkehrsministeriums zu Ohren gekommen ist. Noch mag Minister Peter Ramsauer nicht vom Ausstieg reden („Quatsch“). Aber wer soll ihm glauben?

Das Hin und Her ergibt nämlich Sinn: Das Ministeriumspapier bereitet den Ausstiegsfall vor, und zwar durch die Hintertür. Sollte die Bundeskanzlerin sich irgendwann zur Umkehr entschließen, dann könnte sie auf die (wenn auch verspätete) Kritik ihres Verkehrsministers verweisen. Die große Chance, ihren Irrtum einzugestehen und für die Zukunft mehr Bürgerbeteiligung zu versprechen, wird sie nicht nutzen.

Mit anderen Worten: Die Regierung wird sich womöglich rechtzeitig vor der Bundestagswahl aus dem Bahnhof schleichen, den Angela Merkel einst als Probe auf Deutschlands Modernisierungsfähigkeit verkaufte. Das wäre schön für Stuttgart, aber Fortschritt sieht anders aus.