In ein Konzert geht man, um dem Alltag zu entkommen, zumal in ein Konzert einer 23 Jahre alten Frau, die dafür bekannt ist, dass sie stets Katzenohren trägt.

Viele Ältere hatten wahrscheinlich bis Dienstagmorgen noch nie von Ariana Grande gehört. Die amerikanische Popsängerin, die früher in Kinderserien mitspielte, wird von Kindern und Jugendlichen, vor allem von Mädchen, geliebt und verehrt. Über 45 Millionen Fans folgen ihr auf dem Nachrichtenkanal Twitter.

Viele Fans in Manchester haben dem Auftritt ihrer Heldin wohl tagelang entgegen gefiebert, haben bei ihren Eltern um Tickets gebettelt, und als es endlich soweit war, sangen sie ihre Lieder mit, schunkelten im Chor, vielleicht umarmten sie sich, eine große, unbeschwerte Masse.

Glück schlägt um in Katastrophe

Ins Konzert geht man auch, um der Einsamkeit zu entkommen, um sich als Teil von etwas Größerem zu fühlen. Man kann sich vorstellen, wie toll es für die Eltern gewesen sein muss, ihre Kinder so glücklich zu erleben. Und dann ein Knall, und das Glück schlägt um in eine Katastrophe. Mütter und Väter schreien nach ihren Töchtern.

Man kann davon ausgehen, dass der Mörder sich kaltblütig sein Ziel ausgesucht hat, um maximalen Schrecken zu verbreiten: eine große Konzerthalle, eine international bekannte Künstlerin, Kinder unter den Opfern. Das lässt niemanden kalt.

Der Mörder hat ganz Manchester, die Pop-Stadt, Heimat von The Smiths und Oasis, von Joy Division und den Stone Roses, von legendären Klubs wie Hacienda, bei ihrer liebsten Beschäftigung getroffen, beim Genuss von Musik. „Heaven knows I'm miserable now“, der Smith-Titel passt als Kommentar zur Tat. Unglückliches Manchester!

Rechtsextreme und Islamisten sind sich verblüffend ähnlich

Manchester ist eine raue, aber herzliche Großstadt, in der man leicht mit Fremden ins Gespräch kommt, ganz anders als im unterkühlten London.

Hier leben viele Minderheiten, vor allem Muslime, aber auch viele Osteuropäer. Man kommt überwiegend gut miteinander klar, anders als in manchen benachbarten Orten des eng besiedelten englischen Nordens. Einige der Täter, die sich 2005 in London in der U-Bahn in die Luft sprengten, kamen aus der Nachbarstadt Leeds.

Die Mörder, damals wie heute, haben das gleiche Ziel, das Terror stets hat, Misstrauen zu säen, zu Gewalt anzustiften, für Unsicherheit zu sorgen. Dabei sind sich Rechsextreme und radikale Islamisten trotz aller ideologischen Unterschiede verblüffend einig.

Manchester hat schon einiges überstanden

Nach dem Terroranschlag 2005 in London haben die Briten mit einer Besonnenheit reagiert, die von vielen im Ausland bewundert wurde. Übergriffe auf muslimische Einrichtungen gab es kaum. Doch wie wird Manchester, wie wird das Land diesmal reagieren? Der Anschlag trifft ein zerrissenes, verunsichertes Land, spätestens seit dem Votum zum Austritt aus der Europäischen Union. In wenigen Tagen soll ein neues Parlament gewählt werden.

Wenn der Mörder das Ziel gehabt hat, vor der Unterhaus-Wahl Chaos zu stiften, kann es sein, dass er sich den falschen Ort ausgesucht hat. Neben all dem Schmerz über die Opfer stimmen die ersten Reaktionen hoffnungsvoll.

Manchester hat schon einiges überstanden: Die Deutschen wollten die Stadt im Zweiten Weltkrieg verwüsten, im „Manchester Blitz“, was ihnen glücklicherweise nicht gelang, aber viele starben durch die Bomben. Später kamen nordirische Bomben, brutale Bandenkriege.

Alle leiden mit Manchester mit

Die „Mancunians“, wie die Bewohner Manchesters sich selbst nennen, sind hart im Nehmen, das sieht man nicht nur daran, dass die Mädchen selbst im Winter nur mit T-Shirt und kurzem Rock bekleidet durch die Straßen rennen.

„Heaven knows I'm miserable now“, nochmal The Smith. Weltschmerz, made in Manchester. Alle leiden diesmal mit Manchester mit. „Manchester steht zusammen“, schrieb der Autor des Liedes, Johnny Marr, am Dienstagmorgen auf Twitter und beschwor damit den weltkriegserprobten „Manchester Spirit". Wir lassen uns nicht dazu bringen, unsere Nachbarn zu hassen, soll das heißen. Unsere Nachbarn, deren Kinder vielleicht auch Ariana Grande hören, die nur das Pech haben, der falschen Religion anzugehören.

Nach dem Anschlag zeigte sich die Stärke der Stadt: viele Menschen boten ihre Hilfe an, Taxifahrer lasen verwirrte junge Konzertgäste von der Straße auf und brachten sie kostenlos nach Hause, Nachbarn luden Besucher, die nicht mehr nach Hause kamen, zum Übernachten in ihre Wohnungen ein.

Wir stehen zusammen, das heißt nicht, dass die Menschen in Manchester keine Angst haben, keine Wut, keinen Schmerz, aber sie lassen sich nicht gegeneinander aufhetzen. Es wäre ein Hoffnungszeichen in düsteren Zeiten.