Berlin - Jetzt steht Angela Merkel als Verliererin da. Drei Landtagswahlen hat die CDU 2017 gewonnen, der SPD dabei zwei Länder abgeknöpft. Die Union hat auch die Bundestagswahl gewonnen. Aber es war das schlechteste Ergebnis seit 1949. Sie hat in Niedersachsen die Landtagswahl verloren, obwohl das noch im Sommer kaum möglich schien. Und wieder ein Superlativ: Schlechtestes Ergebnis, seit 1959 dieses Mal. Die AfD etabliert sich als rechte Konkurrenz in den Parlamenten. Das Wahljahr endet für die Union mit Unzufriedenheit.

Die Kanzlerin zeigt sich ungerührt. Sie sagt, sie fühle sich nicht geschwächt für die Sondierungsverhandlungen mit FDP und Grünen, die am Mittwoch beginnen. Der Auftrag für eine Regierungsbildung habe sich nicht geändert. Was soll sie auch anderes sagen?

Und diese Position ist schon denkbar schwach. Denn die Union ist zwar der Partner mit den meisten Abgeordneten im Hintergrund. Da allerdings endet die Stärke auch schon. Der Union ist der Orientierungssinn abhandengekommen, ihre psychische Verfassung ist bedenklich.

Seehofers Macht schwindet

Einer neuen Regierung stehen vor allem die Schwesterparteien im Weg, die für sich in Anspruch nehmen, der Hort der Stabilität zu sein. Die Kanzlerin versucht, diesen Umstand mit einem Rest Würde zu kaschieren. Sie hat selbst Teil an der Entwicklung, deren drei Haupt-Komponenten klar zutage treten.

Erstens: Die CDU hat ihren inhaltlichen Kurs nicht geklärt. Zweitens: CDU und CSU haben ihren Konflikt so beiseite geräumt, dass er jederzeit wieder aufbrechen kann. Beides wäre wohl noch zu bewältigen. Aber dazu kommt ein dritter Punkt: Die Führungsdebatte in der CSU in Kombination mit deren geradezu panischen Blick auf die Landtagswahl im kommenden Jahr hat das Potenzial, das gesamte Unionskonstrukt aus den Angeln zu heben. Die Bitte des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, die Regierungsbildungsversuche in Berlin nicht mit Personaldebatten zu beschweren, ist mittlerweile zu einem Flehen geworden.

Der bayerische Finanzminister Markus Söder hält die Gelegenheit für günstig, Seehofer die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl zu entreißen und endlich seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Seehofers Macht ist mittlerweile dünn geworden: Die Späne richten sich nach dem neuen Magneten aus. Es ist ein Kampf ohne politische Rücksichtnahme. Es zählen da nicht Deutschland und seine Bedürfnisse, es zählen persönliche Interessen, bemäntelt mit der Bayern-Fahne.

Ärger lege sich schon, wenn man regiert

Vor diesem Hintergrund wird der Konsens in der Flüchtlingspolitik, den CDU und CSU vergangene Woche endlich gefunden haben, noch mehr zum ungedeckten Wechsel: Ohnehin gibt es darin unscharfe Formulierungen und viele Konjunktive. Die zwei Jahre, die es dauerte, bis die Einigung stand, lassen nicht auf große Kompromissfähigkeit schließen. Merkel presste ihr „Ich freue mich sehr“ bei der Kompromissverkündung dann auch hervor wie eine Geisel.

Und das ist nur die Flüchtlingspolitik. Aber der Union fehlen auch sonst die inhaltlichen Schwerpunkte, mit denen sie in den Koalitionsverhandlungen das von Merkel deklarierte Selbstbewusstsein unterfüttern könnte. Der Blick nach rechts ist verführerisch, der parteiinterne Streit um seine Gefährlichkeit nicht ausgetragen.

Merkel wird sich mit all dem gar nicht so unwohl fühlen. Sie muss keine Positionen räumen, sondern kann einfach andere als ureigene deklarieren und ansonsten darauf setzen, dass sich der Ärger in den eigenen Reihen schon legen wird, wenn man dann regiert. Bislang ist die Union damit nicht schlecht gefahren. Auch in der CDU haben die Verteilungskämpfe begonnen, für die Zeit nach Merkel. In diese Zeit kann die Union schneller hineinschlittern, als sich selbst Merkels Gegner es wünschen mögen.