Lehrer stellen jedes Jahr aufs Neue fest, dass es Entwicklungen gibt, die sich nicht einfach in einer Zensur erklären lassen. Sondern die man in einige erläuternde Worte fassen müsste. Wenn Kanzlerkandidaten Zeugnisse erhalten würden, dann könnte in dem von Martin Schulz vielleicht mal stehen: „Am Anfang hat er alle begeistert. Dann hat er sich ein paar Mal verrechnet. Aber irgendwie ist es auch Pech gewesen, dass er das Klassenziel nicht erreicht hat.“

Mitleid ist womöglich das Schlimmste, was man einem Kanzlerkandidaten antun kann. Und doch kann man gerade kaum anders, als Schulz zu bedauern. Der Verlust der Ein-Stimmen-Mehrheit für Rot-Grün in Niedersachsen ist ein weiterer schwer zu verkraftender Tiefschlag.

Es lässt tief blicken, wenn eine grüne Landtagsabgeordnete nach der Nicht-Nominierung für die Landtagswahl durch die eigene Partei mal eben mir nichts, dir nichts zur CDU wechselt. Und wenn sie dann auch noch fröhlich flötet: „Es gibt auch noch andere Parlamente, bei denen man sich um ein Mandat bewerben kann.“ Das schadet dem Ansehen der gesamten Politik, bringt aber vor allem die Grünen – die es mit der Moral gern besonders genau nehmen – in die Bredouille. Für die SPD wiegt vor allem symbolisch schwer, dass nun schon wieder etwas gewaltig schief läuft.

„Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß“

„Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß.“ So hat es der Fußballer Andreas Brehme mal ausgedrückt. Es ist in den vergangenen Monaten viel schief oder unglücklich gelaufen, wofür Schulz nichts kann. Dass die SPD etwa in Schleswig-Holstein die Landtagswahl vergeigte, lag nicht an Schulz, sondern am dortigen Ministerpräsidenten Torsten Albig. In einem Interview kurz vor der Wahl ließ er durchblicken, er habe sich von seiner Frau getrennt, weil es mit ihr als Hausfrau an Augenhöhe gefehlt habe. Und diesen Mann haben überhaupt noch Frauen gewählt?

Als die SPD sich mühte, neu Tritt zu fassen, musste Schulz wegen der Krebskrankheit von Mecklenburg-Vorpommers Ministerpräsident Erwin Sellering plötzlich eine Personalrochade betreiben. Vor kurzem fiel dann auch noch sein Wahlkampfleiter Markus Engels wegen Krankheit aus. Der SPD ist keine Ruhe gegönnt.

Kann Schulz also gar nichts für die Misere der SPD? So einfach ist es natürlich nicht. Gleich zweimal hat er sich schwer verkalkuliert: Bei der Wahl im Saarland hat er unterschätzt, wie allergisch viele im Westen noch immer auf die Vorstellung einer Koalition mit der Linken reagieren. Und: Im NRW-Landtagswahlkampf hielt Schulz sich auf Wunsch von Hannelore Kraft zurück, die ihre eigene Zugkraft überschätzte. Dadurch erlahmte auch seine eigene Kampagne – weil er nicht rasch genug Inhalte lieferte, um die Anfangsbegeisterung am Laufen zu halten.

Geschlossenheit ist die Stärke der SPD

Andererseits gilt: Schulz hat mit dem falschen Timing immerhin ein gutes Programm vorgelegt, bei dem sich insbesondere das Steuerkonzept sehen lassen kann. Im Grunde ist es eine Übersetzung des Gerhard-Schröder-Slogans von 1998 in die Jetztzeit: „Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen.“ Doch die Umfragen legen nahe, dass die Mehrheit nicht darauf wartet, dass es einer besser macht als Angela Merkel.

Die Stärke der SPD ist, dass sie diesmal geschlossen ist. Kandidat und Programm passen zusammen. Schulz führt die Partei geschickter als zuvor Sigmar Gabriel.

Die große Schwäche der SPD liegt darin, dass sie derzeit keine absehbare Machtoption außer der großen Koalition hat. Es scheint immer mehr durch, dass die SPD mit der Linken auch diesmal weder regieren kann noch will. Eine Ampel-Koalition unter Einbeziehung der FDP? Unwahrscheinlich. Und der Fall von Elke Twesten zeigt auf, dass nicht mal mehr die Grünen in jedem Fall der natürliche Partner der SPD sind.