Lange schien es, als sei die Mitte eine erstrebenswerte Umgebung für die meisten. Politisch galt das sowieso, seit auch Grüne und Linke sich weitgehend als bürgerlich saturierte Kräfte präsentierten. Die große Koalition war weit größer als der für die politische Verbindung reservierte Name vermuten ließ. Ohne einen eigens verabschiedeten Koalitionsvertrag hatten sich die Be- und Anwohner der Mitte auch über die kulturellen Standards verständigt.

Es gehört zu den Mustern des anerkannten kulturellen Geschmacks, regelmäßig „Tatort“ zu schauen, Grönemeyer zu hören und bei Welt- und Europameisterschaften Özil, Boateng und Hummels zuzujubeln. Das bis vor Kurzem weltweit beliebte Deutschland ist eines des guten Fußballs, des gepflegten ökologischen Bewusstseins und der kulturellen wie politischen Aufgeschlossenheit. Die Jahre, die nach dem Wirtschaftswunder kamen, dürfen in Ost wie West als jene glückliche Zeit des Gelingens angesehen werden, in der man das Zeitalter der Extreme im Allgemeinen und des Nationalsozialismus im Besonderen hinter sich gelassen hat.

Aber das Unbehagen an der wohligen Mittellage wächst, und die Angst davor, sie verlassen zu müssen, ist nicht nur eine Frage des Gefühls. Wie zuletzt in diversen Studien ermittelt, verliert die Mitte zusehends an Boden. Die tragende Säule der Gesellschaft schrumpft, ihr Anteil am gesellschaftlichen Gesamteinkommen geht zurück. Längst haben dauerhaft prekäre Beschäftigungsverhältnisse der eben noch gefestigten Schicht zugesetzt. Dort, wo sich ökonomische Stabilität und das allgemeine Bedürfnis nach Sicherheit zu einer stattlichen Einheit verdichteten, herrschen nunmehr Irritation und Unmut.

Dramatische Veränderungen als Bedrohung

Das unausgesprochene Einverständnis mit dem Deutschlandbild ist ins Wanken geraten, und stärker noch als die ökonomischen und soziologischen Daten spricht dafür eine sich politisch artikulierende Renitenz, die nicht nur die alten Volksparteien in Angst und Schrecken versetzen, sondern auch die etablierten Verwalter an den Rändern: Linke, Grüne, FDP. Das ist auch einer der Gründe, warum deutsche Politiker zwar erleichtert aber alles andere als beruhigt auf die österreichischen Verhältnisse blicken.

Dramatische Veränderungen mögen für die Existenz von Parteien eine Bedrohung sein, für das Funktionieren des Systems aber sind sie notwendig und bisweilen sogar wünschenswert. Es ist nun einmal ein Merkmal von Demokratien, nicht statisch zu sein. Aber nicht immer  weiß die soziologische Aufmerksamkeit deren Zeichen zu deuten. Als der Soziologe Helmut Schelsky in den frühen 60er-Jahren seinen berühmten Gedanken von der nivellierten Mittelschicht formulierte, in der sich die Gesellschaft insgesamt von klassenkämpferisch ausgetragenen Gegensätzen weitgehend zugunsten einer gesicherten Mittellage verabschiedete, schien er die sich lautstark artikulierende Rebellion, die sich unter dem Namen Studentenbewegung versammelte, kaum zur Kenntnis genommen zu haben.

Keine innovativen Ideen

Tatsächlich aber stellte die 68er-Bewegung keinen Widerspruch zu Schelskys Diagnose dar. Denn über die explizit politische Positionierung der 68er-Bewegung hinaus fand diese im Zeichen eines sich vor allem auch ökonomisch verfestigenden Aufstiegs statt. Und das Bedürfnis, es etwas besser haben zu wollen, ist nicht nur eine Frage des eigenen Einkommens, sondern auch des Lebensgefühls in der Gemeinschaft mit anderen.

Wenn man es denn als eine national-konservative Bewegung bezeichnen will, die sich gegenwärtig um die Alternative für Deutschland (AfD) versammelt, so scheint es dieser Formation doch an einem für eine soziale Bewegung sehr wichtigen Merkmal zu mangeln. Mit ihr ist kein Signal des gesellschaftlichen Aufbruchs verbunden. Anstelle innovativer Ideen wird vielmehr in aggressiv-rigoristischer Form auf Besitzstandswahrung gepocht und, wie es der Berliner Soziologe Heinz Bude genannt hat, ein pervertiertes Verständnis von Solidarität betrieben: Solidarisch ist man nur gegenüber sich selbst. Die anderen müssen leider draußen bleiben.

Die überall in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind Ausdruck alternder Gesellschaften, mit denen weder eine wirtschaftliche noch eine kreative Dynamik verbunden ist. Die ausstehende Debatte sollte sich also nicht nur an der mit Ressentiments aufgeladenen Stimmungspolitik der neuen Rechten reiben. Viel wichtiger wäre eine anhaltende Auseinandersetzung über die Trieb- und Entwicklungskräfte, die eine Gesellschaft weiterbringen, statt sie zu zersetzen.