Kommentar zu Boston: Terroristenjagd als Live-TV

Als der amerikanische Footballspieler O. J. Simpson 1994 nach dem Mord an seiner ehemaligen Frau mit dem Auto vor der Polizei floh, schaute die Nation zu. Es war die erste Verfolgungsjagd der Polizei, die ein US-Fernsehsender aus einem Hubschrauber beobachtete und stundenlang live übertrug. Als die Polizei am Freitag in Boston einen der Terrorverdächtigen suchte und dafür die ganze Stadt absperrte, schaute die Welt zu.

Auch daran lässt sich das Ausmaß der Globalisierung im letzten Jahrzehnt ablesen. So, wie der Terror an jedem Platz der Erde zuschlagen kann, so verfolgen Menschen von fast jedem Platz der Erde aus mit einer Mischung aus Angst und Sensationslust, wie im Vorort einer amerikanischen Großstadt Jagd auf einen möglichen Terroristen gemacht wird.

Die Nachricht vom zeitgleich entdeckten Sprengstoffbrief an den deutschen Bundespräsidenten macht diesen Eindruck der weltweit vernetzten Ereignisse für den Zuschauer komplett.

Aber natürlich hängt nur scheinbar alles mit allem zusammen. Die Moderatoren der Nachrichtensender, die die Livebilder aus Boston Stunde um Stunde kommentieren, ergehen sich in den gewagtesten Spekulationen über die Hintergründe und Motive der möglichen Täter. Auch das gehört zur globalen Medienwelt; das unablässige Rauschen von Informationen, die im Zweifel gar keine sind.