Was derzeit in Chemnitz geschieht, ist Reizthema in der ganzen Republik.

Folgt man einigen aktuellen Bewertungen in Medien und Politik dazu, ist das überaus verwunderlich, denn aus deren Sicht geht es um eine ganz simple Frage: Steht ihr auf Seiten der Neonazis – oder auf Seiten der Demokraten?

Dass das zu simpel gedacht ist, zeigt der Blick in etliche Leserbriefe und Einträge in die Online-Kommentarspalten: Die Wut vieler Deutscher richtet sich gegen das, was sie seit dem Spätsommer 2015 als die verfehlte Asylpolitik von Angela Merkel kritisieren und was sie als Folgen der starken Zuwanderung von 2015 und 2016 empfinden.

So haben sich jetzt auch Politik-Profis wie der FDP-Bundesvize Wolfgang Kubicki und vom Dresdner Politologen Werner Patzelt geäußert: Hinter den Krawallen stecke die Entfremdung von einer Flüchtlingspolitik des „Wir schaffen das“.

Falsche Lesart

Gerade, wenn man an den jüngsten Bundestagswahlkampf denkt, in dem Angela Merkel keineswegs nur in Ostdeutschland auf fast jedem Marktplatz lautstark ausgepfiffen wurde, klingt das plausibel: Dass in Chemnitz ein Deutscher von mutmaßlichen Flüchtlingen niedergestochen wurde, wäre in dieser Lesart der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Doch diese Lesart ist falsch. Zu den Pegida-Demos kamen Zehntausende nach Dresden, bevor man von einer „Flüchtlingskrise“ sprach: Ende 2014. In Rostock beklatschten Bürger einen Brandanschlag auf vietnamesische Vertragsarbeiter: 1992. In Hoyerswerda beteiligten sich Hunderte Anwohner an Angriffen auf Ausländerwohnheime und Polizei: 1991.

Neonazis und Gewalt gegen Zugewanderte gibt es auch im Westen. Dass so viele Normalbürger kein Problem damit haben, mit Gewalttätern und Nazis ihre Wut auf die Straße zu tragen, nicht.

Wer also wirklich die Wurzeln des Krawalls in Chemnitz ergründen will, muss schon weiter blicken als bis zum Sommer 2015. Es ist nicht die erste Chance, über Versäumnisse im Osten zu reden, aber es ist eine. Wer nur Populismuspunkte sammeln will, vergibt sie.