Berlin - Es ist erst ein paar Monate her, da sagte ein führender Funktionär der Grünen, Spitzenkandidaten seien „Diktatoren auf Zeit“. Der Mann hatte Unrecht. Und wenn er doch ein bisschen Recht gehabt haben sollte, dann mussten die Diktatoren auf dem Parteitag eine Auszeit nehmen.

Mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir hat die Basis ja zwei Spitzenkandidaten gewählt, die sehr seriös, sehr erfahren und sehr pragmatisch sind – und die vielleicht auch deshalb manche als langweilig empfinden. Größere Teile der Führungsschicht zumal in den Länden ticken mittlerweile ähnlich wie die beiden. Sie stehen etwas rechts vom Mainstream der Partei.

Ehe für alle als Voraussetzung für Regierungsbeteiligung

Verwunderlich ist das nicht. Die Funktionäre sind nämlich diejenigen, die den linken Idealismus der Vielen in reale Politik überführen müssen. Dabei bleibt, zumal wenn man lange im Geschäft ist, ein Stück dieses Idealismus auf der Strecke. Auf dem Parteitag forderte die Basis ihr Recht. Sie legte Göring-Eckardt und Özdemir ein paar Gepäckstücke in den Rucksack, besser gesagt: in den Zehn-Punkte-Plan.

Dazu gehört die Ehe für alle als Voraussetzung für eine Regierungsbeteiligung oder das Ende der Kohlverstromung und des Verbrennungsmotors im Jahr 2030 wie überhaupt die Überzeugung, dass es nicht gilt, die Regierung, sondern die Welt zu verändern. Sollte es tatsächlich zu einer grünen Regierungsbeteiligung kommen, wird lediglich ein Teil dessen, was die Grünen möchten, Wirklichkeit.

Da Politik aus Kompromissen gemacht wird, liegt dies in der Natur der Sache. Die grüne Basis allerdings hält sich an den Grundsatz: Versuche das Unmögliche, um das Mögliche zu erreichen. Und sie tut gut daran. Es macht Sinn, die Flexibilität in den Koalitionsoptionen mit Festigkeit in der Sache zu verbinden. Keinen Sinn macht es, sich das Wünschbare in vorauseilendem Gehorsam gleichsam selbst abzuhandeln. Denn Zukunft wird aus Mut gemacht.

Von den Grünen jedenfalls sollte mehr übrig bleiben als die Sorge um die Zukunft der deutschen Automobilindustrie. Sie sind eine Partei der linken Mitte – und keine FDP ohne Verbrennungsmotor. Eine zweite liberale Partei wird in Deutschland nicht gebraucht. Sie würde langfristig auch vom Markt verschwinden.