Berlin - Manchmal steckt in einem Satz ja schon alles drin. In diesem Fall zumindest ist das so. Der Satz lautet: „Wir im Osten kennen die Russen.“

Er stammt vom Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff. Der Christdemokrat dringt  darauf, die nach der Besetzung der Krim und dem schmutzigen Krieg in der Ost-Ukraine verhängten Russland-Sanktionen abzubauen.

Die anderen Ost-Ministerpräsidenten haben sich seiner Forderung angeschlossen und möchten, dass sie Eingang in den Koalitionsvertrag findet.

Die Allianz erstreckt sich also von Haseloff über seine Amtskollegin Manuela Schwesig (SPD) bis hin zu Bodo Ramelow, der für die Linke Thüringen regiert. Dabei hat der Satz „Wir kennen die Russen“  eine doppelte Bedeutung.

Auf der Sachebene soll er untermauern, was die Regierungschefs der neuen Länder bei ihrer Pressekonferenz ausführten. Sie sagten, die Sanktionen hätten nichts gebracht. Dafür schadeten sie der ostdeutschen Wirtschaft ganz besonders.

Beides lässt sich nicht bestreiten. Tatsächlich bleibt die Krim annektiert. Nichts deutet daraufhin, dass sich dies wieder ändern wird.

Ein „frozen conflict“

Was in der Ost-Ukraine stattfindet, nennen Politologen einen frozen conflict – eine Auseinandersetzung, die im Kern stagniert und von der nicht zu erwarten steht, dass eine Seite die andere besiegt oder klein beigibt.

Die ostdeutsche Wirtschaft ist überdies fragiler als die westdeutsche und stärker auf bestehende Handelsverbindungen nach Osteuropa angewiesen.

Zumal aus der Perspektive der neuen Länder haben die Sanktionen mithin keinen erkennbaren Nutzen, während der Schaden offenkundig ist.

Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft wies unterdessen auf eine Studie der Universität Kiel hin. Demnach übersteigen die Kosten der Wirtschaftssanktionen inzwischen die Marke von einhundert Milliarden Euro.

Sanktionen treffen auch die EU

Rund 60 Prozent der Verluste gingen auf das Konto Russlands, hieß es, und 40 Prozent auf Kosten der Wirtschaft in der EU.

Was die Ost-Ministerpräsidenten vergaßen, zu erwähnen, war indes, dass es sich eben um Sanktionen der Europäischen Union handelt. Auch sagten sie nichts zu der Frage, was denn die Alternative zu Sanktionen wäre.

Wenn auf Völkerrechtsbrüche nämlich nur gutes Zureden folgt, dann wäre dies die Einladung zu weiteren Völkerrechtsbrüchen. Und das nicht von Russland allein.

Der Satz „Wir im Osten kennen die Russen“ hat freilich noch eine politische Dimension. Denn in ihm schwingt ein zweiter Teil mit, der da lautet „… und Ihr im Westen nicht“. Da ist ja was dran.

Russland als Opfer des Westens

Ohnehin darf man den aktuellen Vorstoß nicht isoliert betrachten. Entsprechend zitierte der Spiegel den sächsischen Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) mit der Bemerkung, Russland werde von vielen Ostdeutschen nun als Opfer des Westens gesehen.

Und diese Erfahrung könnten viele Ostdeutsche  nachvollziehen. Das ist zwar eine schräge Analogie. Denn die Ostdeutschen waren ja bis 1989 Opfer der Russen.  Und sie wurden nach 1989 auch nicht vom Westen unterjocht, sondern litten in Teilen unter den Folgen einer Vereinigung, die sie mehrheitlich selbst gewollt hatten.

Trotzdem herrscht in den neuen Ländern zuweilen ein anderes Gefühl vor. Auch fällt auf, dass die treibende Kraft hinter dem Russland-Vorstoß  der Magdeburger Regierungschef Haseloff ist.

Der 63-Jährige kommt der AfD und rechten Kräften in der Landes-CDU immer öfter entgegen. So stellt er sich in der Flüchtlingspolitik ebenso gegen die Kanzlerin wie nun in der Russland-Politik und empfing überdies deren entschlossensten europäischen Gegner, den ungarischen Premier Viktor Orbán.

Orbán  kann seinerseits mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin prima und hält der autoritären polnischen Regierung den Rücken frei.

Gemeinsam gegen die EU-Kommission

Gemeinsam stemmen sie sich gegen die EU-Kommission in Brüssel, wenn diese auf eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen pocht oder Verstöße gegen rechtsstaatliche Grundsätze kritisiert.

Mit anderen Worten: Hinter der Forderung nach einem Stopp der Russland-Sanktionen verbirgt sich auch Widerstand  der Ostdeutschen und -europäer gegen die liberalen Demokratien Westeuropas.

Zugleich verschieben sich  die Gewichte. So wie das Erstarken der Russland-freundlichen AfD im Osten den Westen erschreckt, so verändert die Anti-Flüchtlingsachse der Visegrad-Staaten plus Österreich die Kräfteverhältnisse in der Europäischen Union.

„Wir im Osten kennen die Russen…“ bedeutet demnach nicht zuletzt: Wir lassen uns von Euch nichts mehr sagen, wenn wir nicht wollen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft.