Berlin - Darf er kommen? Soll er wieder ausgeladen werden? Der türkische Staats- und Regierungschef Recep Tayyip Erdogan kommt Ende September zum Staatsbesuch nach Berlin, und in Deutschland wird diskutiert, ob es richtig ist, ihn mit militärischen Ehren zu empfangen.

Es stimmt: Erdogan herrscht mit diktatorischen Vollmachten, er lässt foltern und missliebige Journalisten einkerkern. Andererseits hat er gerade eine Wahl gewonnen, die zwar von Unregelmäßigkeiten überschattet war, aber weltweit anerkannt wurde. Wir empfangen auch andere Autokraten, weil die Bundesrepublik strategische Interessen hat: Die Türkei ist der wichtigste Puffer Europas zum Chaos des Nahen Ostens. Ihre Destabilisierung kann sich niemand wünschen. Deshalb müssen wir im Dialog bleiben.

Dennoch befremdet die Eile, mit der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Autokraten entgegenkommt. Fast so, als ob die Geiselkrisen um Peter Steudtner, Mesale Tolu und Deniz Yücel schon vergessen sind. Umso wichtiger ist jetzt die öffentliche Debatte, die beweist, dass den Deutschen das Verhältnis zur Türkei nicht egal ist. Bei uns leben nicht nur bereits drei Millionen Türkischstämmige, es werden derzeit auch immer mehr, weil mehr Erdogan-Kritiker zu uns flüchten als in jedes andere Land.

Türkei am Rande einer Wirtschaftskrise

Erdogan wird in Berlin deshalb erneut auf der Auslieferung Dutzender sogenannter Putschisten bestehen. Er wird dafür womöglich die Freilassung jener sieben Bundesbürger anbieten, die er noch immer in politischer Geiselhaft hält. Auf einen solchen Deal darf sich Deutschland keinesfalls einlassen. Muss es auch nicht. Zwar verfügt die Türkei mit dem EU-Flüchtlingsabkommen über einen mächtigen Trumpf, den sie aber nicht ausspielen kann, da sie in einem schweren Konflikt mit den USA steckt und am Rand einer Wirtschaftskrise taumelt.

Der türkische Präsident kommt nach Berlin, weil er Hilfe braucht. Er wünscht sich eine Vertiefung der Zollunion mit der EU, Investitionen und Visafreiheit für die Türken. Darüber sollte man reden, aber mit klarer Haltung. Zugeständnisse müssen ihren Preis haben - mindestens die Freilassung der Geiseln und ein Ende der Geiselpolitik. Waffenlieferungen müssen tabu sein, solange die Türkei Gebiete Syriens besetzt hält. Davon abgesehen haben die Bürger Deutschlands die Freiheit, dem Autokraten vom Bosporus mit Protest-Demonstrationen zu zeigen, was sie von ihm halten.