Berlin - Diesen Moment hätten sich viele gerne erspart: Die Kanzlerin, die derzeit genug Ärger in den eigenen Reihen hat. Die SPD, die sich nun zwischen trauriger Koalitionstreue und trotziger Distanzierung entscheiden muss. Die Grünen, die keine Vorentscheidungen für künftige Partner treffen wollen. Und die Bürger dieses Landes, die in großer Mehrheit eine zweite Amtszeit des beliebten Bundespräsidenten wünschten, ohnehin.

Doch seit Montagmittag, kurz nach Zwölf, gibt es keinen Zweifel mehr. Joachim Gauck hört auf. Aus Altersgründen. Nicht sofort, aber im März 2017. Bis dahin muss nun ein neuer Bundespräsident gefunden werden. Zwar bleiben damit theoretisch noch gut acht Monate Zeit für eine ruhige Kandidatensichtung. Doch wird der angebliche Respekt vor dem Amt nun Politiker aller Couleur kaum davon abhalten, in kurzer Zeit jeden erdenklichen Nachfolger-Namen und  alle möglichen politischen Farbkonstellationen durchzuspielen. 

Grundsätzlich ist gegen eine lebendige, durchaus streitige Kandidatensuche nichts zu sagen. Im Gegenteil. Wenn man das Amt des Bundespräsidenten ernst nimmt und das Staatsoberhaupt nicht auf die Rolle des Grüß-Augusts und Gesetzesnotars schrumpfen will, braucht es dringend eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Persönlichkeit am besten geeignet ist, dieses Land nach außen zu vertreten und nach innen zu einen. Außer der eigenen Rede hat der oder die Präsident(in)  keine Macht. Im besten Fall aber erreicht er oder sie – wie Gauck – damit auch Menschen, die der klassischen Parteipolitik längst den Rücken zugekehrt haben. 

Ein solches Angebot der Integration und der Orientierung erscheint besonders wichtig in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Konsens der Republik erschreckend brüchig wird. Nicht einmal jeder zweite Wähler fühlt sich noch durch die sogenannte große Koalition von Union und SPD repräsentiert. Vielen Bürgern bereiten die Globalisierung und die Flüchtlingsbewegung ernste Sorgen. Am rechten Rand gewinnen Politiker mit ausländerfeindlichen Ressentiments kräftige Unterstützung. Zugleich breitet sich im öffentlichen Meinungsstreit eine Verrohung und Respektlosigkeit aus, wie man sie vor kurzem für unmöglich gehalten hätte.

In dieser Situation kommt es nicht vordringlich darauf an, ob der nächste Präsident eine Frau oder ein Mann, ein Christ, ein Jude oder Muslim, ein Migrant, ein Ostdeutscher oder Niederbayer, ein Social-Media-Fan oder ein Briefeschreiber ist, wie nun eilig gefordert wird. Viel entscheidendere Qualifikationen für das Amt sind das richtige Gespür für Hoffnungen, Ängste und Spannungen in der Gesellschaft. Persönliche Unabhängigkeit, Integrität und Glaubwürdigkeit sind genauso wichtig wie die Fähigkeit zur Kommunikation.

Die Politik aber ist auf dem besten Weg, die Kandidatensuche mit ganz anderen, strategischen  Überlegungen zu überfrachten und die Präsidentenwahl als Auftakt zur Bundestagswahl im Herbst 2017 zu instrumentalisieren. Ausgangspunkt ist die Bundesversammlung, die das neue Staatsoberhaupt wählen wird. Dort sind die Mehrheitsverhältnisse höchst kompliziert. Union und SPD kommen zwar auf eine satte Mehrheit. Aber ein Unions-Politiker wäre der schwer angeschlagenen SPD nicht zu vermitteln. Einen Genossen kann wiederum Merkel ihrer Partei kaum verkaufen.

Vorbote einer neuen Machtoption

Also werden nun munter Namen und Konstellationen hin- und hergewürfelt. Ein schwarz-grüner Bewerber? Das wäre eine Kampfansage der Kanzlerin an ihren Koalitionspartner und außerdem bei der CSU höchst umstritten. Oder Rot-Rot-Grün mit Unterstützung der Piratenpartei?  Nicht nur die Linkspartei, auch mancher Sozialdemokrat scheint davon angetan – könnte die neue Konstellation doch als Vorbote einer neuen Machtoption im Parlament gelten. Als faszinierendes Modell schwirrt dabei das Jahr 1969 durch die Köpfe, als die SPD mit der FDP gegen die Union ihren Kandidaten Gustav Heinemann durchsetzte und damit den Schwenk von der großen Koalition zum sozialliberalen Bündnis unter Willy Brandt einleitete. Doch die Umstände sind unvergleichbar: Mit der FDP gab es große Gemeinsamkeiten in der Innen- und Ostpolitik. SPD und Linkspartei haben sich zuletzt eher voneinander entfernt, und die Grünen werden ein derart unsicheres Bündnis kaum eingehen. „Rot-Rot-Grün ist nicht realistisch. Wir spielen ja hier kein Kindertheater“, hat SPD-Vize Olaf Scholz gerade apodiktisch erklärt.

Kein Theater – diese Mahnung sollte generell für die Bundespräsidentenwahl gelten. In der alten Bundesrepublik mag das Ereignis zur politischen Machtdemonstration getaugt haben. In Zeiten einer alarmierend  wachsenden Demokratieverdrossenheit sollten sich parteitaktische Spielchen und symbolische Aktionen verbieten. „Wir haben gute Gründe, uns die Zukunft zuzutrauen“, hat Joachim Gauck am Montag zum Abschied gesagt. Die politische Elite darf diese Zuversicht nicht postwendend durch kleinkariertes Postengeschacher beschädigen.