Berlin - Mancher Freund anderer Mehrheitsverhältnisse in Deutschland wird enttäuscht sein von diesem Wochenende. Gregor Gysi, der weit über die Grenzen seiner Partei populäre wahrscheinlichste Architekt eines rot-rot-grünen Bündnisses, zieht sich zurück. Und die Linke hat sich auf ihrem Parteitag so schroff gegenüber den Sozialdemokraten wie lange nicht gezeigt. Da tun sich alle schwer, die von einer linken Reformkoalition nach den Wahlen 2017 träumen. Und doch sind beide Entscheidungen richtig, auch wenn man manche Position der Linkspartei im Einzelnen für falsch halten mag.

Die größte Kunst eines erfolgreichen Politikers liegt darin, den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug zu finden. Das ist Gregor Gysi gelungen. Er hat Historisches geleistet. Ohne ihn wäre die Transformation der Staatspartei SED in eine demokratische sozialistische Partei nicht gelungen, dank derer viele DDR-Bürger ihren Frieden mit dem Leben in der Bundesrepublik machen konnten. Das war ein Beitrag zur deutschen Einheit. Und ohne ihn hätte es auch die Partei Die Linke nicht gegeben, die dem ganzen Land das Angebot einer politischen Alternative macht. Das ist ein Beitrag zur Demokratie.

Gregor Gysis Verdienste

Die Linke ist heute so angesehen wie niemals zuvor. Das zeigen ihre Erfolge bei den jüngsten Landtagswahlen, das zeigt aber auch eine Begebenheit vom Wochenende: zum ersten Mal hat ein DGB-Vorsitzender es für richtig befunden, auf einem Parteitag der Linken zu sprechen. Dieses Maß an gesellschaftlicher Akzeptanz ist auch ein Verdienst von Gregor Gysi. Es ist klug, in einem solchen Moment zu gehen.

Aber es ist auch klug von der Partei, sich in einem solchen Moment ihrer selbst zu vergewissern. Gysi hat ihr in seiner Abschiedsrede praktisch den Auftrag erteilt, sich auf Regierungsverantwortung im Bund vorzubereiten. Dazu müsse sie kompromissfähig sein, dürfe aber ihre Identität nicht aufgeben, lautete sein Rat. Das aber ist der Kern des Problems, dem sich die Linke stellen muss. Sie muss zeigen, dass weder Regieren noch Nichtregieren Selbstzweck ist, wie ihr erster Ministerpräsident Bodo Ramelow es formuliert hat.

Gysi hat eine Reihe von denkbaren Kompromissen skizziert, die ein rot-rot-grünes Bündnis möglich machen könnten. Das ist geschickt, denn es zeigt jenen in der SPD und den Grünen, die auch in eine solche Richtung denken, was sie in ihren Parteien erreichen müssen.