Berlin - Jetzt muss also schnell ein Nachfolger her, besser noch eine Nachfolgerin - für Joachim Gauck, den Präsidenten, der Bellevue verlassen wird. Mit den Namen aller Kandidaten, die schon jetzt im Gespräch sind, könnte man locker zwei Fußballmannschaften bestücken. Die Sache läuft ganz routiniert, dabei wäre es doch ein guter Moment, kurz innezuhalten und zu fragen: Braucht dieses Land eigentlich noch einen Bundespräsidenten?

Das klingt vielleicht etwas weltfremd, und mit Gauck war ja auch alles gut im Amt. Aber wie war es denn vorher? Stellen wir uns doch die Frage, was der früh zurückgetretene Präsident Horst Köhler der Republik gebracht hat. Die Antwort ist kurz: nichts. Auch wenn Horst Köhler, der Mensch, jedweden Respekt verdient.

Und fragen wir uns, was der früh verjagte Christian Wulff dem Land gegeben hat? Immerhin die Einsicht, dass man so auch nicht mit fehlbaren Politikern umgehen sollte. Aber das war’s dann auch. Wir reden also in diesen Fällen schon einmal über ein paar Jahre, in denen das Amt des Präsidenten für das Staatswohl Deutschlands und auch das Wohl seiner Bürger eher unwichtig war. Auch Johannes Rau, der Sozialdemokrat, hat die Präsidentenwürde eher als Altersteilzeit einer langen Politikkarriere gestaltet. Roman Herzog war klug, aber nicht allzu beflissen im Amt.

Der Bundespräsident muss sein Amt ausfüllen können

Der letzte Präsident, der die Rolle mit einem brennenden republikanischen Ehrgeiz ausgefüllt hat, war Richard von Weizsäcker. Als er anfing, stand noch die Mauer in Deutschland. Ist also alles schon ein bisschen her, und über die langen Jahren ist die Quote wichtiger Präsidenten nicht allzu beeindruckend. Was hätte uns also gefehlt ohne einen Mann oder eine Frau in Bellevue?

Vielleicht lässt sich diese Frage etwas gerechter mit Joachim Gauck beantworten. Im Fall von Gauck scheint es doch klar zu sein, dass das Land in schwierigen Zeiten einen solchen Präsidenten gebrauchen kann, auch wenn nicht alle seine Ansichten teilen. Aber: er ist eine Persönlichkeit, auch jenseits des Amtes und auch vor den Türen von Schloss Bellevue.  Und das ist der Punkt. Das Land braucht einen Bundespräsidenten, der das Amt ausfüllen kann. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Und warum ist es wichtig, in diesen Tagen, da so heftig spekuliert wird, wer Gauck folgen könnte, darauf noch einmal hinzuweisen?

Weil viele Spekulationen doch eher darauf hindeuten, dass es nicht um die Frage geht, wer das Amt ausfüllen könnte, sondern darum, wer Vorschläge machen darf, und welche Partei, sich am Ende mit welcher Macht auf wen verständigen können. Oder welche politischen Signale der ein oder andere Kandidat aussenden könnte.

Parteilosigkeit als Lösung?

Es geht also auch bei den Überlegungen zu der kommenden Bundespräsidentenwahl wieder um parteipolitische Rechnerei und Aufrechnerei; Spielchen, die am Ende auch Horst Köhler und Christian Wulff ins und aus dem Amt gebracht haben. Sicher, es mag naiv erscheinen, von solchen Interessen absehen zu wollen – auch von den  politischen Signalen, welche die eine oder andere Präsidentenwahl in der Geschichte ausgesendet hat. Aber: Ist die Präsidentschaft von Joachim Gauck nicht deshalb eine bemerkenswerte gewesen, weil ein parteiloser Mensch mit der Kraft seiner Persönlichkeit das Land repräsentierte? Und deutet bei den Überlegungen der Parteien, wen sie nun ins Rennen schicken, nicht einiges darauf hin, dass sie nicht von der Persönlichkeit her denken?

Selbstverständlich weiß man vorher nie, ob diese Frau oder jener Mann das Amt überstrahlen könnte. Aber wenn man die Frauen und Männer von vorneherein nur danach aussucht, wer in welcher Konstellation wie viele Stimmen aus diesem oder jenem Lager bekommen könnte, dann ist doch klar, dass Persönlichkeit nicht das erste Kriterium ist. In diesem Fall der politischen Machtprobe, ist es sogar naheliegend, dass Parteilichkeit eine wichtigere Voraussetzung ist. Aber einen solchen Präsidenten oder eine solche Präsidentin hat das Land wirklich nicht nötig.

Und wenn dieses Land doch einen obersten Repräsentanten oder eine oberste Repräsentantin braucht, weil ein Staat ein Gesicht haben sollte? Wenn das so ist, sollte man aus den Jahren Joachim Gaucks eine Lehre ziehen. Man könnte zum Beispiel die kluge Vorschrift, dass ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin älter als vierzig Jahre sein muss (ja, so ist das) durch eine noch weisere ergänzen: die Frau oder der Mann in Bellevue sollte parteilos sein. Grundsätzlich. Das ist zwar auch noch keine Garantie für eine unabhängige Persönlichkeit, aber keine schlechte Voraussetzung.