Den Spruch auf den Wahlwerbeplakaten seiner Partei hat FDP-Chef Christian Lindner offenbar wörtlich genommen. „Denken wir neu“, heißt es da. Folgerichtig hat Lindner mit neuen Gedanken zum Thema Russland aufhorchen lassen. Er müsse, hat der ehrgeizige Mann jetzt gesagt, mal ein Tabu brechen, was er dann auch tat: „Ich befürchte, dass man die Krim zunächst als dauerhaftes Provisorium ansehen muss.“ Er fügte noch hinzu, dass die Sanktionen gegen Moskau wegen dessen Einmischung in den Ukraine-Konflikt nicht erst dann aufgehoben werden sollten, wenn Russland seine Verpflichtungen aus dem Friedensabkommen von Minsk vollständig erfüllt habe: „Auch positive Zwischenschritte müssen gewürdigt werden.“

Nun könnte man sagen, da hat der Chef einer kleinen Partei, die noch nicht einmal im Bundestag vertreten ist, versucht, sich bei dem Teil der deutschen Wirtschaft anzubiedern, dessen Geschäfte mit Russland wegen der internationalen Sanktionen leiden. Das wäre legitim. Es ist Wahlkampf. Provokationen sind ebenso erlaubt wie das Bemühen, jene Wähler anzulocken, denen die Sanktionen gegen Russland viel zu weit gehen. Also alles halb so schlimm?

Wenn Profilierung vorgeht

Falsch. Alles doppelt so schlimm. Neue Gedanken müssen nicht immer kluge Gedanken sein. Lindner, das darf man nicht vergessen, könnte es in einer schwarz-gelben Koalition zum Außenminister bringen. Dann säße da jemand an der Schaltstelle der deutschen Außenpolitik, für den Profilierung wichtiger erscheint als das Festhalten an einem politischen Prinzip. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs hat sich mindestens in der EU die Überzeugung durchgesetzt, dass es keine Grenzveränderungen mehr durch Gewalt geben darf. Geschehen sie dennoch, muss es eine angemessene Reaktion der Staatengemeinschaft darauf geben.

Die Sanktionen gegen Russland sind angemessen. Sie haben zwar Putin nicht dazu gebracht, die Krim zurückzugeben. Das wird, da hat Lindner recht, auch nicht geschehen. Aber es wäre grundfalsch, Putin mit einer Lockerung der Sanktionen gewissermaßen für die Annexion der Krim zu belohnen. Was hielte den russischen Präsidenten dann noch ab, es an anderem Ort wieder zu versuchen?